Im Frühjahr 1952, vier Jahre nach Kriegsende,
betritt Helene Mitterbauer das verfallene
Anwesen des ehemaligen SSHauptsturmführers
Eduard Ritter in St. Gilgen. Sie kommt nicht als
Trauernde, sondern als Zeugin: Sie hat ihn bei
der Geburt seines Sohnes geholfen – und ihn
danach nie wieder gesehen. Der Boden unter ihren
Stiefeln ist noch immer mit Asche aus dem Kamin
vermischt, den die Polizei nicht weggewischt hat.
Das Testament liegt auf dem Tisch,
unterschrieben mit einer Hand, die zitterte, als
sie den Stift hielt – nicht aus Schwäche,
sondern aus Wut. Es benennt keinen Erben,
sondern eine Aufgabe: „Bring das Kind zu den
Bergen, wo der Schnee nie schmilzt.“ Der Sohn
ist tot. Gestorben im April ’45, als er
versuchte, drei jüdische Kinder aus einem
Transportwaggon zu retten. Die Bauern von Krimml
haben ihn versteckt. Und dann vergessen.
Helene weiß, was sie finden wird: ein Koffer
unter dem Dachboden, gefüllt mit Fotos, einem
Gebetbuch und einem silbernen Löffel, den sie
ihm als Neugeborenes geschenkt hat. Aber sie
weiß auch, dass die Regierung in Salzburg seit
1947 jede Spur von NSTätern aus den
Kirchenbüchern tilgt – und dass jeder, der daran
rührt, als „Verräter der Heimat“ gilt.
Am Abend des dritten Tages, als sie den Koffer
hebt, bricht die Holztreppe unter ihr ein. Ein
Stein aus der Wand fällt – dahinter liegt ein
kleiner Raum, in dem drei Kinderleichen liegen,
eingemauert, seit 1944. Sie sind nicht von
Ritter getötet worden. Sie sind von den
Dorfbewohnern begraben worden, weil sie sich
weigerten, die Namen der „Gefährlichen“ zu
nennen.
Helene zündet die Akten an. Nicht aus Angst. Aus
Pflicht. Der Schnee auf dem Dach des Hauses
schmilzt nicht mehr – er ist zu Eis geworden,
seit sie die ersten Leichen berührt hat. Die
Kirche von St. Gilgen wird morgen den Tod
Ritters als „tragischen Unfall“ bezeichnen. Aber
die Hebamme geht hinaus, trägt den Löffel in
ihre Tasche, und wandert nach Innsbruck, wo sie
das letzte Zeugnis der Kinder an den Bischof
übergibt – ohne Namen, ohne Unterschrift.
Die Stadt akzeptiert es nicht. Die Presse
schweigt. Aber in den Almen, wo die alten Frauen
noch die Toten waschen, flüstert man: Sie hat
den Schuldigen nicht bestraft. Sie hat ihn
erinnert.
Und das ist grausamer als jeder Prozess.


