Der Winter 1952 frisst die letzten Spuren des
Krieges unter dem Schnee der Dachsteinregion.
Johann Rieger, letzter Bergbauer von St. Georgen
am Längsee, findet sie am Morgen nach dem
Neuschnee — halb erstarrt, in einem zerfetzten
Mantel, mit einem Pass, der keinen
österreichischen Stempel trägt, sondern einen
silbernen Adler mit einem durchgestrichenen
Hakenkreuz. Der Pass ist verboten seit ’47: Wer
ihn besitzt, gilt als Verbrecher. Wer ihm hilft,
verliert das Erbe.
Er trägt sie in den Stall, vergräbt ihre Kleider
unter Heu, deckt sie mit einem alten
WeihwasserTuch zu. Seine Frau ist tot, sein Sohn
verschwunden seit ’44. Die Gemeinde weiß nichts.
Die Kirche predigt Vergebung. Der Bezirksrat
aber hat neue Regeln: seit März ’51, nach dem
„Gesetz zur Wiederherstellung der heimatlichen
Ordnung“, wird jeder, der einen „Unbekannten mit
staatsfeindlichem Hintergrund“ beherbergt, mit
der Enteignung bestraft. Das Land geht an den
Genossenschaftsverband. Die Polizei kommt nicht
mehr mit Wagen — sie kommen mit Akten und
Unterschriften.
Drei Tage später kommt der Bezirkskommissar. Er
hat die Spuren im Schnee — eine Blutspur, die
nur zu Riegers Hof führt. Er spricht nicht. Er
legt ein Formular auf den Tisch: „Erklärung zur
Aufnahme eines Fremden“. Johann unterschreibt
nicht. Er trinkt Schnaps, schaut aus dem Fenster.
Die Kinder vom Dorf spielen mit Steinen, die sie
von der alten Eisenbahnbrücke holen — sie wissen
nicht, dass die Brücke 1943 von deutschen
Truppen gesprengt wurde, um Flüchtlinge zu
stoppen. Heute steht sie halb eingestürzt, ein
Denkmal ohne Inschrift.
Am Abend bringt die Fremde ihm einen Zettel. Sie
hat ihn mit einer Nadel in ihren Ärmel genäht.
Er liest ihn nicht. Er verbrennt ihn. Sie weint
nicht. Sie stirbt am nächsten Morgen, still, mit
den Händen auf dem Bauch. Er begräbt sie hinter
dem Stadel, unter einem Stein, den er aus dem
Fluss holt — denselben, den sein Sohn als Kind
mitgebracht hatte. Sie hatte ein Kind. Er weiß
es, weil er den blutigen Lappen fand, den sie
unter ihrem Kopf verbarg.
Am Morgen danach kommt der Kommissar mit zwei
Männern vom Genossenschaftsverband. Sie bringen
die Akte: „Rieger Johann, Hof St. Georgen,
Verstoß gegen §4 des Wiederherstellungsgesetzes“.
Sie nehmen das Vieh, die Kuh, die zwei Pferde,
die Saat. Sie lassen das Haus. Johann sitzt auf
dem Steinhaufen, wo sie begraben liegt. Die
Schneedecke ist dünn geworden. Man hört die
Glocken vom Pfarrhof. Niemand kommt. Niemand
fragt.
Er geht nicht zur Stadt. Er bleibt. In drei
Wochen beginnt der erste Schnee wieder. Die
Leute sagen, er sei verrückt geworden. Aber in
der Nacht, wenn der Wind durch die Felsen
schreit, hört man ihn singen — ein altes Lied
aus dem Karst, das niemand mehr kennt. Es ist
kein Gebet. Es ist eine Anklage. Und wer es hört,
weiß: Das Land, das man nach dem Krieg retten
wollte, hat längst die Wahrheit verschluckt.


