Der Mann aus Sankt Georgen kehrt jeden Herbst
mit den Schafen ins Tal zurück, ein einsamer
Hirt ohne Stimme, seit ihn als Kind die Kehle
vereiste. Sein Kanal, die stumme Arbeit im
Hochgebirge, macht ihn zum Träger dessen, was
nicht gesagt werden kann – er kommuniziert durch
Zeichen, Schnitte in Holz, Bewegung. Die
Gemeinde duldet ihn, doch niemand fragt nach
seinem Inneren.
Im Jahr 1927, während der Umbruchzeit, als Wien
sich dreht und das Land bricht, bleibt das
abgelegene Sankt Georgen gefroren in einer Zeit,
die es nicht mehr gibt. Die alte Ordnung –
Pfarrherr, Grundherr, Almgenossenschaft – hält
noch, doch das Eis auf dem Gipfel schmilzt
schneller als je zuvor. Dies ist kein bloßer
Hintergrund: das Schmelzen verändert das
Weltgefälle. Wasser sucht neue Wege, Risse
klaffen auf, der Boden senkt sich. Die Natur
selbst wechselt ihr Regime.
An einem Morgen nach einem Donnerstoß entdeckt
der Mann in einer neu freigelegten Eiskaverne
eine Frau, halb verschüttet, lebend, aber ohne
Namen. Sie trägt kein bekanntes Gewand, spricht
kein verständliches Wort. Die geheimnisvolle
Fremde wird in die Scheune des Gemeindehauses
gebracht. Der Arzt diagnostiziert Schock; der
Pfarrer fürchtet Besessenheit. Doch sie heilt –
schnell, zu schnell. Sie isst, schläft,
beobachtet. Kein Laut kommt über ihre Lippen.
Das Misstrauen wächst. Ein Bauer meldet, dass
seine Kühe nicht mehr melken, seit sie im selben
Stall lag. Ein anderer behauptet, sein Sohn habe
Alpträume von einer Frau im Eis. Die Fremde geht
barfuß durch den Regen, ohne nass zu werden.
Kinder werfen Steine, doch die rollen von ihr ab,
als wäre Luft um sie her dichter.
Dann bricht das Hochwasser los. Der neue Bach,
gelenkt vom geschmolzenen Gletscher, reißt die
alte Steinbrücke weg – Schiffbruch der alten
Verbindung zwischen Oberdorf und Tal. Drei
Männer ertrinken, weil der Notweg versperrt ist.
Niemand hatte die neue Gefahr kartografiert. Die
Natur hat die Regeln gewechselt: was stabil war,
ist nun flüssig.
In der zweiten Nacht danach wird im Moränenfeld
ein Skelett gefunden – modern gekleidet, mit
Metallteilen am Bein, doch vollständig
mumifiziert vom Eis. Der Pfarrer will es
verbrennen, doch der Mann aus Sankt Georgen
erkennt an der Schnalle: es ist ein
italienischer Alpinist, vor zehn Jahren
verschollen. Die Fremde steht daneben, nickt.
Plötzlich wird klar: sie war bei ihm. Oder sie
ist er. Oder sie trägt ihn.
Am Tag darauf beginnt die Wiedergeburt. Die
Fremde steigt allein den Hang hinauf, zum
Gletscherloch. Der Mann folgt. Dort legt sie
sich in die Kaverne zurück, wie in einen Sarg.
Das Eis umschließt sie binnen Stunden – obwohl
die Temperaturen steigen. Es ist kein
natürliches Gefrieren. Etwas anderes regiert
hier.
Als der Mann zurückkehrt, bringt er einen
Splitter ihres Kleides – grün wie Moos unter Eis.
Er legt ihn auf den Altar der Kapelle. Am
nächsten Morgen ist er verschwunden. Nur eine
Pfütze bleibt, darin ein einziger Tropfen, der
nicht verdunstet.
Das Dorf spricht nicht mehr von ihr. Der Pfarrer
predigt über Vergänglichkeit. Der Bach fließt
weiter in seiner neuen Bahn. Der Mann kehrt auf
die Alm, doch nun hört man ihn nachts – nicht
sprechen, aber singen, leise, in einer Sprache,
die keiner kennt. Die Stille ist gebrochen. Die
Welt hat sich verschoben. Die Heimkehr ist
vorbei.


