Im Herbst ’36 zwingt der skrupellose Fabrikant
Anton Leitner die letzten sieben Bergbauern von
Mittersill, den Stollen unter dem Großen Priel
zu sprengen. Die Republik hat die Bergwerke
verstaatlicht, doch Leitner besitzt die
Konzession — und die Waffen. Der Berg, den die
Alpenbewohner als lebendig verehren, ist kein
Stein mehr, sondern ein Lager: Knochen aus dem
Krieg, Leichen von Deserteuren, die im Schnee
verschwanden, und die Asche von jenen, die den
Faschismus zu früh verfluchten.
Die Bauern weigern sich. Ihr Vater, der alte
Sepp, legt seine Hand auf den Eingang — ein
Brauch aus dem 18. Jahrhundert, als man den Berg
um Erlaubnis bat. Leitner lässt ihn erschießen.
Die Kugel trifft nicht den Kopf, sondern die
Hand — sie bleibt am Holzständer hängen, wie ein
OpfergabenAltar.
Am Morgen danach zündet der letzte Hauer, Franz,
die Dynamitladung. Nicht für die Kohle. Für den
Stollen. Er hat die Sprengsätze so gelegt, dass
die Gänge sich selbst verschlingen — wie ein
Mund, der sich schließt. Die Explosion bringt
nicht nur Fels herab. Sie reißt die
unterirdischen Kammern auf, in denen die Leichen
der verdrängten Wahrheit liegen.
Zwei Tage später finden die Arbeiter aus Wien
die Knochen. Ein Schuh mit Kinderstrumpf. Ein
Kreuz aus Holz, geschnitzt mit einem Gebet, das
nicht zur Kirche gehört. Leitner wird verhaftet —
nicht wegen Mord, sondern wegen „Störung der
öffentlichen Ordnung“. Der Berg bleibt
verschlossen. Die Behörden lassen ihn zu, denn
der Alpenmythos ist nützlich: Er lässt die Leute
glauben, die Toten seien in den Gipfeln, nicht
in den Schächten.
Franz wird nie gefunden. Nur sein Hut liegt am
Eingang, voller Erde und einem Stück rotem Stoff
— der Farbe der Sozialdemokraten. Die Dorfleute
waschen ihn nicht. Sie hängen ihn an den
Kruzifix in der Kapelle.
Niemand spricht davon, was der Berg verschluckt
hat.
Aber im Winter, wenn der Wind durch die Felsen
heult, hört man es: ein Flüstern, das nicht vom
Wind kommt.
Und die Kinder wissen: Wer den Berg verrät, wird
nie wieder nach Hause kommen.


