Der Winter 1952 frisst die letzten Reste der
Heizölrationen in St. Veit an der Glan. Die
Kirche hat das Geburtenregister stillgelegt,
seit die letzte Schwester aus dem Kloster
verschwunden ist. Niemand mehr bringt Kinder zur
Welt — außer Maria Wieser, die mit ihren
callused Händen und dem alten Ledersack voller
Kamillenblüten durch den Schnee geht, als wäre
sie die letzte Geige in einer verstaubten Orgel.
Sie ist die furchtlose Hebamme, und niemand
fragt mehr, warum sie nie einen Arzt holt.
Die Welt hat sich geändert: seit 1948 verbietet
das Gesundheitsministerium in Wien jede Geburt
ohne zugelassene Ärzte. Wer ohne Genehmigung
hilft, verliert das Haus, die Pensionsansprüche,
den Namen. Die Regel ist nicht aufgeschrieben,
aber jeder Bauer weiß es — wie man den Schnee
auf dem Dach abkratzt, bevor er einbricht. Maria
kennt die Regel. Sie hat drei Kinder verloren,
als sie nach dem Krieg noch Hoffnung hatte.
Jetzt hat sie nur noch die anderen.
Als Anna Huber, die Witwe vom oberen Hof, drei
Tage nach der Niederkunft blutet, kommt sie in
der Dämmerung zu Maria. Ihr Mann starb in
Russland. Ihr Sohn ist vermisst. Das Kind — ein
Junge — ist zu groß, zu früh, zu schweigsam. Die
Ärzte würden es nicht zulassen. Die Kirche würde
es als Sünde verbrennen. Maria weiß: wenn sie
jetzt nicht greift, stirbt Anna. Und das Kind
wird in einem Sack aus Leinwand verschwinden,
wie die anderen sieben, die seit ’46 im Keller
des Pfarrhauses verschwanden.
Sie schließt die Tür. Zieht die Wolldecke über
die Strohmatte. Benutzt die alte Zange, die sie
von ihrer Mutter bekam — die letzte, die noch
aus der Monarchie stammt. Die Geburt dauert
sieben Stunden. Das Kind atmet. Anna schläft.
Draußen knistert der Wind durch die Fichten.
Maria wäscht die Hände in kaltem Wasser. Sie hat
keine Zeit, zu weinen.
Am Morgen kommt der Beamte vom Bezirksamt. Er
trägt einen Aktenkoffer mit einem Siegel aus
rotem Wachs. Er sagt nichts. Er nimmt nur das
Registerbuch, das Maria seit 1938 führt — mit
jedem Namen, jedem Datum, jedem Geburtsgewicht.
Er nimmt die Zange. Er nimmt das Haus. Er lässt
ihr nur das Kleid, das sie trug, als sie ihr
erstes Kind zur Welt brachte.
Drei Tage später steht sie vor dem Rathaus in
Graz. Sie hat kein Geld, kein Dach, keinen Namen
mehr. Sie hält ein Bündel aus Leinen. Darin: ein
Baby, das sie aus dem Keller geholt hat — das
achte. Sie hat es nicht geboren. Sie hat es
gerettet. Und sie wird es nicht abgeben.
Die Dorfleute sehen zu. Keiner spricht. Keiner
hilft. Aber am Abend legt die Bäckerin ein Brot
vor ihre Tür. Der Pfarrer lässt die
Kirchenglocke nicht läuten. Und im Wald, wo die
Alpenkinder früher ihre Namen in die Rinde
schnitzten, steht jetzt ein neues Kreuz. Ohne
Namen. Nur ein Datum: 19. Februar 1952.
Romantisch ist das nicht. Aber es ist das Letzte,
was noch weich bleibt in einem Land, das alles
verboten hat — außer dem Schweigen.


