Nach dem Krieg bleibt der Bergbauernhof in der
Tirolier Alpe verwaist, die Mine unter
staatlichem Zwang stillgelegt, doch die Familie
hält an altem Eid fest: Wer den Kristall aus der
Geistergrube holt, wird zum Erben — oder zum
Mörder. Franz, der jüngere Bruder, hat sich als
Mitläufer verdingt: er unterschreibt Dokumente
für die neue Elektrizitätsgesellschaft,
vertreibt alte Bauern mit Scheinrechten, nimmt
die staatliche Entschädigung, die die alte
Ordnung auslöscht. Sein Bruder Josef, der im
Widerstand saß und jetzt mit verbrannten Händen
im Dorf schweigt, hat nie aufgehört, nach dem
Kristall zu suchen — der, so sagt man, das Licht
der Bergsee spiegelt, wenn man ihn im Mondlicht
hält.
Ein Gesetz von 1951 verbietet das Betreten der
alten Minen — nicht wegen Einsturzgefahr,
sondern weil die Funde aus der Habsburgerzeit
als „unseriöse Symbolik“ gelten. Wer einen
Kristall findet, muss ihn abliefern. Wer ihn
behält, verliert sein Brot. Franz hat schon drei
Männer verraten, die unter der Erde nach Spuren
suchten. Einer starb in der Kammer, wo die Wände
aus Schiefer und menschlichen Knochen wuchsen.
Als Josef am Abend vor der Kirche einen Stein in
die Hand drückt — nicht gekauft, nicht gestohlen,
sondern gefunden —, weiß Franz: Es ist der
letzte. Der, der den Berg nicht verlassen hat.
Die Gemeinde hat sich verpflichtet, das Licht zu
unterdrücken. Doch Franz sieht, wie das Mädchen
vom Dorfladen, das seine Tochter ist, den
Kristall in der Dunkelheit an ihre Stirn hält,
als ob sie damit den Schmerz ihrer Mutter spüren
könnte, die im Lager starb.
Am nächsten Morgen bringt Franz den Kristall
nicht zur Bezirksverwaltung. Er gräbt ihn tief
unter den alten Apfelbäumen, wo der Vater einst
den Bund mit dem Berg geschlossen hat. Er sagt
nichts. Er holt den Spitzhacke aus der Scheune,
die er früher verkaufen wollte. Er öffnet die
verriegelte Tür zur Mine — und geht hinein.
Nicht für Josef. Nicht für das Gesetz. Sondern
für das Licht, das kein Staat mehr verbieten
kann.
Die Grube stürzt nicht ein. Doch der erste
Strahl, der durch die Ritzen fällt, färbt den
Schnee vor dem Hof rot — nicht Blut. Sondern das
erste Frühlicht nach einem langen Winter.


