Im Jahr 1952 zieht Anna Huber mit einem Koffer
und einem Bild des Ehemanns durch den Schnee
nach Kals am Großglockner. Er ist seit ’44
verschwunden, als er mit der Wehrmacht in die
Karpaten zog – doch die Dorfleute sagen, er sei
nie abgereist. Die Republik hat die Kirche
entmachtet, doch die Alpen bleiben alt: Wer den
Gletscher nicht ehrt, stirbt still.
Sie findet sein Gewehr unter dem Bodenbrett der
Scheune – mit einem Kugelhahn, der nicht zu
seiner Waffe passt. Ein Bergbauer hat es ihr
gezeigt, als sie fragte. „Das ist kein
Soldatengewehr“, flüsterte er, „das ist ein
Kirchenschlüssel.“ Die neue Gesetzesordnung hat
das Beten auf den Almen verboten – doch die
alten Leute stillen ihren Glauben mit Stein und
Schnee. Jeder, der nachts zur Gletscherspalte
geht, bringt ein Stück Holz mit – und kehrt nie
mit dem gleichen zurück.
Anna folgt den Spuren, die niemand sehen will:
drei Steine auf dem Gletscher, jedes Jahr am 27.
April, wie damals, als der letzte Pfarrer
verschwand. Sie schläft in der alten Kapelle,
die jetzt ein Lager für Hilfsgüter ist. Am
Morgen des 27. April legt sie einen Tannenzweig
neben den dritten Stein – und hört das Knacken
unter den Füßen. Der Gletscher hat sich geöffnet.
Darin: fünf Leichen, alle in uniformierten
Kleidern, alle mit der gleichen Wunde am Hals.
Keine Kugel. Kein Messer. Nur ein Schnitt – wie
von einer Sense.
Ein Beamter vom Innenministerium kommt, um die
Leichen abtransportieren zu lassen. „Das sind
Kriegsopfer“, sagt er. „Nichts, was die Republik
braucht.“ Anna nimmt den letzten Stein – den,
der den Pfarrer trug. Sie geht zurück ins Dorf,
packt ihren Koffer, und legt ihn in den Ofen.
Die Asche bleibt. Sie nimmt die Sense aus der
Scheune, die niemand mehr benutzt hat, seit der
letzte Bauer starb. Am nächsten Morgen steht sie
am Rand der Gletscherspalte. Die Sonne bricht
durch die Wolken. Sie schneidet kein Fleisch.
Sie schneidet das Seil, das den Gletscher seit
1938 zusammenhält.
Der Eisblock bricht. Nicht laut. Nicht
dramatisch. Nur langsam – wie ein letztes Gebet.
Unter dem Eis: ein Holzkreuz, das nicht aus der
Kirche stammt. Darauf eingeritzt: Wir haben
nicht gebetet. Wir haben geschwiegen. Und der
Berg hat uns gehalten.
Sie geht zurück ins Dorf. Niemand fragt. Die
Kinder spielen wieder vor der Schule. Die Frau
vom Gletscher hat kein Gesicht mehr – nur noch
einen Namen. Und am Abend, als die letzte Lampe
erlischt, hört man in der Kirche, die jetzt ein
Schulraum ist, ein Lied – leise, aus einem Mund,
den niemand kennt. Es ist kein Gebet. Es ist ein
Lied, das man nur singt, wenn man hofft, dass
jemand es hört.


