Im Frühjahr 1952 schlägt der Student Lukas
Hinterhuber in einem verfallenen Pfarrhaus bei
St. Wolfgang ein, um die letzten
handschriftlichen Aufzeichnungen des
verstorbenen Pfarrers zu katalogisieren — ein
Auftrag der Universität Wien, der den Aufbau der
Republik mit katholischer Kultur verknüpfen soll.
Die Mauern riechen nach nassem Holz, Kohlestaub
und etwas Süßlichem, das nicht von den Wänden
kommt.
Drei Tage nach seinem Einzug findet er hinter
einem lose sitzenden Dielenbrett ein
Blechdöschen mit sieben Blättern. Nicht
kirchlich. Keine Predigt. Ein Protokoll aus dem
Jahr 1944: Namen, Termine, eine Liste von acht
Männern, die im Wald bei Gmunden erschossen
wurden — und darunter der Name seines Vaters,
als Zeuge, nicht als Opfer. Der letzte Eintrag:
„Er hat den Weg gewiesen. Für die Ordnung.“
Lukas weiß: Wer 1944 in Österreich einen
Widerstandskämpfer verriet, wurde nach 1945
nicht bestraft — er wurde zum Lehrer, zum
Gemeinderat, zum Vater. Die neue Republik
brauchte Stabilität. Die Wahrheit war ein Luxus,
den man sich nicht leisten durfte. Die Regel war
nicht geschrieben, aber jeder Bauer, jeder
Pfarrer, jeder Beamte wusste sie: Wer nach ’45
nachfragte, verlor den Arbeitsplatz, die Kirche,
die Familie.
Er geht nachts zum Friedhof von St. Wolfgang.
Die Grabsteine sind noch mit Efeu bedeckt, die
Namen der Erschossenen mit Steinbrocken
zugedeckt — wie damals, als man sie nicht mehr
nennen durfte. Er grub ein Loch neben dem
letzten Stein, füllte es mit den Blättern, legte
einen Stein darauf. Nicht als Denkmal. Als
Verschüttung.
Am Morgen, als die erste Lawine vom Schafberg
bricht — ein seltenes Phänomen im April —, wird
der Pfarrer aus dem Dorf auf dem Weg zur Kirche
verschüttet. Die Bergbauern sagen: Gott hat die
Wahrheit begraben. Lukas bleibt stehen. Er hat
den Stein nicht umgedreht. Er hat ihn nur
aufgelegt. Und jetzt ist er Teil der Erde, die
niemand mehr umgräbt. Die Republik atmet auf. Er
packt seinen Koffer. Er wird nicht mehr
zurückkommen. Die Universität wird ihn als
fleißigen Archivar feiern. Niemand wird fragen,
was er fand. Niemand wird merken, dass er nichts
mehr glaubt.


