Die Wirtin von St. Veit räumt den Aschehaufen
vor dem Haus, als der erste Pilger kommt — ein
Mann mit einem gebrochenen Schlüsselbein und
einem Holzkreuz aus dem Dachboden der
Pfarrkirche. Sie gibt ihm Brot, Wasser, einen
Platz unter dem Tisch. Kein Wort. Nur das
Knacken des Feuers im Kachelofen.
Das Gesetz verbietet, Reliquien aus zerstörten
Klöstern zu bergen. Doch seit ’45 hat niemand
mehr kontrolliert, wer was unter den Brettern
der Kirchenbänke fand. Sie weiß: wer ein Kreuz
bringt, bringt einen Toten mit.
Der zweite Pilger kommt mit einem Messingkreuz
aus dem Keller der Linzer Synagoge, noch feucht
vom Regen. Sie vergräbt es unter dem Holzofen,
während der Wind durch die Fensterläden heult
wie ein Hund, der sein Rudel verloren hat. Der
dritte bringt ein silbernes Kreuz mit einem
eingeritzten Datum: 1942. Sie kennt dieses Datum.
Ihr Bruder ist verschwunden, an jenem Tag.
Die Gemeinde redet von Wiederaufbau. Die Kirche
predigt Vergebung. Doch in den Bergen hört man
andere Geschichten: Wer ein Kreuz aufbewahrt,
hält die Schuld wach. Wer es verbrennt, wird zum
Mitwisser.
Am siebten Tag kommt ein junger Mann mit einem
Kruzifix aus dem Kloster St. Florian — das
letzte, das der Pfarrer gerettet hat, bevor die
SS es mit dem Wagen fortbrachte. Er weint nicht.
Sagt nur: „Es war nicht Gottes Wille.“ Sie nimmt
es. Unter dem Tisch.
Am Morgen danach steht der Bürgermeister vor der
Tür. Mit zwei Männern in braunen Mänteln. Sie
sagen, sie suchen „vermisste kirchliche
Gegenstände“. Sie zeigen einen Zettel mit drei
Namen. Ihr Name steht nicht drauf. Doch sie weiß:
sie sind nicht wegen der Kreuze da. Sie sind
wegen des vierten.
Sie geht hinaus. Nimmt den Eimer mit Asche. Gibt
dem Bürgermeister einen Löffel. „Hier“, sagt sie.
„Da liegt das letzte.“ Er greift hinein. Fühlt
das Metall. Zieht das silberne Kreuz mit dem
Datum 1942 heraus. Seine Hand zittert.
Sie hat es nicht vergraben. Sie hat es hingelegt.
Er sagt nichts. Geht. Die Männer folgen.
In der Nacht schneit es. Die Wirtin setzt sich
ans Fenster. Unter dem Tisch liegen sechs Kreuze.
Sie zündet eine Kerze an. Kein Gebet. Nur das
Flackern.
Morgen wird sie das siebte Kreuz verbrennen.
Und dann wird sie gehen.
Nicht nach Wien. Nicht nach Italien.
Sondern hinauf — zu jenem Berg, wo die letzten
Kirchenklingeln noch klingen, und niemand mehr
fragt, wessen Blut sie tragen.


