Im Frühjahr 1952 zieht Maria Lederer, eine
couragierte Journalistin mit einem abgelehnten
Antrag beim Neuen Österreich, nach St. Wolfgang,
um die offizielle Geschichte des Wiederaufbaus
zu prüfen. Sie sucht nicht nach Helden, sondern
nach den verschwundenen Namen, die unter den
neuen Kirchen und Schulen verschwunden sind. Der
Ort atmet Erbe wie Kalkstaub: die alten
Holzbalken aus dem verbrannten Gutshof wurden zu
Bänken für die Kinder der Heimatvertriebenen,
die Mauersteine stammen aus dem zerstörten Lager
bei Hallstatt.
Ein alter Bergbauer bringt ihr ein verrostetes
Kofferstück aus dem Keller der alten Sägmühle –
kein Holz, kein Eisen, sondern Papier. Darin:
Listen von Zwangsarbeitern aus dem KZ Mauthausen,
die im Herbst 1945 als „Arbeitskräfte“ in die
Dorfbaustellen eingeliefert wurden. Die
Gemeindeverwaltung hatte sie als „freiwillige
Helfer“ verbucht. Die Namen sind durchgestrichen.
Die Zahlen nicht.
Sie reist nach Wien, um die Akten beim
Finanzministerium einzusehen. Ein Beamter im
dritten Stock, mit dem Mantel eines ehemaligen
SSMannes, legt ihr einen Brief vor: „Die
Republik zahlt nicht für tote Fremde. Die Schuld
ist begraben.“ Das ist die Regel: Wer die
Vergangenheit öffnet, verliert die
Arbeitsgenehmigung. Wer sie ruhen lässt, erhält
die Baugenehmigung. Sie bleibt.
Am 17. April 1952, drei Tage vor dem Pfingstfest,
betritt sie den neuen Friedhof von St. Wolfgang.
Die Gräber sind sauber, die Steine poliert. Doch
unter dem Namen „Karl Hofmann, Arbeiter, 1938“
liegt kein Leichnam. Sie grub die Erde auf, wo
die Mauer des Gemeindehauses auf die alte
Hofmauer trifft. Ein Schuh, ein Messer, ein
Knochen. Zwei weitere Gräber, verdeckt von
Blumenkästen. Sie fotografiert mit der alten
Kamera ihres Vaters, die noch den
HabsburgerPrägungsstempel trägt.
Am Morgen des 18. April wird sie nicht mehr
gesehen. Im Dorfhaus hängt ein neues Schild:
„Für die Zukunft bauen wir – nicht für die Toten.
“ Die Presse schweigt. Die Kirche spricht vom
Frieden. Die Regierung gibt ein Gesetz heraus:
Wer Gräber ohne Genehmigung öffnet, begeht eine
Störung der öffentlichen Ordnung. Die Akten
verschwinden. Die Kamera findet man im Fluss,
mit den Fotos in Asche.
Doch im Keller der neuen Schule, hinter einem
lose sitzenden Stein, liegt ein zweiter Koffer.
Mit einem Zettel, geschrieben mit der Hand einer
Frau, die nicht mehr lebt:
„Sie haben uns die Namen gestohlen. Aber nicht
die Erde.“
Die Erde bleibt. Und sie weint nicht. Sie wächst.


