Nach dem Krieg riecht die Luft in St. Wolfgang
nach feuchtem Holz und verbranntem Kriegsschutt.
Der Pfarrer, ein Mann mit abgenutzten Stiefeln
und einem Blick, der seit 1944 nicht mehr in die
Augen seiner Gemeinde schaut, führt die Messe
wie eine Rechnung, die er nicht begleichen kann.
Die Kirche ist voll — nicht aus Glauben, sondern
weil man hier noch glauben muss, wenn man im
Dorf überleben will.
Die alte Glocke, die 1943 von den SSMännern aus
Salzburg gebracht wurde, läutet jeden Sonntag.
Niemand fragt, warum sie aus einem Lager in
Mauthausen stammt. Die Pfarre hat sie als
„Geschenk des Heimatdienstes“ akzeptiert. Das
ist die Regel: Wer das Opfer nicht benennt,
bleibt im Dorf. Wer es nennt, verschwindet im
Frühjahr, wenn die Schneeschmelze die Gräber
freilegt.
Der Pfarrer findet das Tagebuch seines Bruders
hinter der Orgel — nicht als Geheimnis, sondern
als versteckte Rechnung. Sein Bruder, der
ehemalige Kaplan, hat die Namen der
verschwundenen Juden in die Taufregister
eingetragen — als „Verstorbene bei
Luftangriffen“. Er hat die Kirche zur
Leichenkammer für die Wahrheit gemacht.
Am Tag der Erntedankmesse steht der Pfarrer vor
der Gemeinde. Die Kinder tragen Körbe mit Äpfeln
aus dem Berggarten. Die Frauen haben die Tafel
mit den Namen der Gefallenen geschmückt — alle
Männer, alle Soldaten, kein einziger Jude. Der
Pfarrer nimmt das Weihwasser nicht. Er hebt die
Hand.
„Wer heute die Kommunion empfängt“, sagt er,
„nimmt das Blut eines Mörders.“
Die Glocke verstummt. Ein Kind fällt die Birne
aus der Hand. Die alte Frau vom Hof unten, die
ihren Sohn verlor, als er weigerte, einen Jungen
ins Lager zu bringen, fällt auf die Knie.
Kein Flüstern. Kein Aufschrei. Nur der Wind, der
durch die Fenster bricht — wie 1945, als sie
alle schwiegen.
Die Gemeinde verlässt die Kirche. Keiner kommt
wieder.
Am Morgen steht der Pfarrer allein vor dem Altar.
Er nimmt die Glocke — die aus Mauthausen kam —
und trägt sie hinauf auf den Gaisberg. Er wirft
sie in den Abgrund.
Dort, wo sie zerschellt, wächst im Frühling eine
schwarze Eibe.
Niemand pflanzt sie. Niemand schneidet sie weg.
Die Kinder lernen sie als „den Baum, der nicht
blüht“ kennen.


