Im Winter 1952, in einem abgelegenen Bauernhof
oberhalb von Mittersill, wo der Schnee die
Trümmer der alten Habsburgerbahn bedeckt und die
Dorfjugend mit Schwarzweißen Fahnen durch die
Gassen zieht, vergräbt Anna Hofer ihren Sohn
Johann. Er starb nicht im Krieg, sondern in
einer Zelle in Linz, nachdem er einen SSOffizier
erschossen hatte — ein Akt, den niemand benennen
durfte. Die Behörden nannten es „unbefugte
Waffenbesitz“, die Kirche sprach von „Sünde“,
die Nachbarn schwiegen. Sie grub ihn unter dem
Apfelbaum, wo er als Kind die ersten Äpfel
pflückte. Die Regel: Wer den Toten nicht
beichtet, darf nicht beerdigt werden. Doch wer
beichtet, verschwindet.
Drei Monate später, am 15. März, steigt die
erste Volksversammlung der neuen Heimatfront in
Salzburg auf. Ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier,
jetzt mit einem braunen Hemd und einer
Holzstange als Stab, ruft zur „Rettung der
österreichischen Seele“ auf. Die Bauern vom
Lungau bringen ihre Säcke mit Korn, um die
Versammlung zu finanzieren — doch Anna kennt den
Mann. Er war der Offizier, der Johann in der
Zelle verhörte. Sie hat seine Stimme nie
vergessen.
Am 22. März, als die Front ihre ersten
Schlagkräfte nach Tirol verlegt, kommt ein
junger Mann mit einem Lederkoffer zur Höhle. Er
ist kein Parteigänger, sondern der Sohn des
ehemaligen Landeskommissars, der 1938 in Wien
Selbstmord beging. Er will Johanns Briefe finden
— die letzten, die der Junge geschrieben hatte,
bevor er starb. Anna weigert sich. Die Regel:
Wer die Wahrheit berührt, stirbt mit ihr. Sie
gibt ihm nur einen Schlüssel — den zum
Kellerraum, wo Johanns Gewehr lag. Er öffnet es.
Darin: eine Kugel, ein Bild von drei Soldaten,
und ein Zettel mit der Unterschrift des
Kommandeurs, der Johann zum Tode verurteilte.
Am 25. März, während die Front ihre erste Waffe
auf das Rathaus von Kitzbühel richtet, geht Anna
hinauf auf den Gschwendt. Sie trägt keinen
Mantel. Sie nimmt den letzten Sack Mehl, den sie
für den Winter sparte, und wirft ihn in den
Schnee. Dann legt sie sich hin — neben das Grab,
das niemand sieht. Die Polizei findet sie am
Morgen. Ihr Körper ist kalt. In der Hand hält
sie einen Zettel, nicht geschrieben, sondern mit
dem Fingernagel in die Haut geschnitzt: „Er hat
nicht geschossen. Wir haben ihn gezwungen.“
Die Putschversuche brechen zusammen. Die
Regierung verbietet die Heimatfront. Doch in den
Bergen bleibt das Schweigen. Niemand spricht von
Anna. Niemand öffnet den Kellerraum. Der Junge
mit dem Koffer verschwindet. Nur die Apfelbäume
blühen weiter — und im Frühjahr 1953, als die
ersten Kinder auf dem Friedhof von Mittersill
spielen, findet einer von ihnen eine Kugel unter
dem Baum. Er bringt sie nach Hause. Seine Mutter
wirft sie in den Ofen. Sie sagt nichts. Sie
weint nicht. Sie hat gelernt: Wer die Wahrheit
bewahrt, muss sie verbrennen.


