Im Schatten der zerstörten Kirche St. Anna in
einem stillen Bezirk Wiens schreibt Pfarrer
Johann Mayer die letzte Predigt, die er jemals
halten wird. Die Mauern sind noch warm vom Brand,
der vor drei Wochen durch einen unerklärlichen
Ausbruch des „Blutfiebers“ entstanden ist – ein
Krankheitsbild, das Mediziner nicht erklären
können, aber alle fürchten.
Die Gemeinde hat ihn verlassen. Nicht wegen des
Feuers, sondern wegen seiner Worte. Er sprach
davon, dass Gott nicht mehr höre, und dass die
Kirche nicht länger die Antwort sei. In den
Gassen flüstert man von dem Priester, der den
Teufel rief, um das Leid zu verstehen.
Johann geht nachts in die Straßen, wo die
Krankheit wütet. Er sieht Kinder mit blutigen
Lippen, Frauen, die unter dem Gewicht ihrer
Angst zusammenbrechen, und Männer, die ihr
eigenes Blut als Segen auf ihre Stirn schütten.
Eine Heilerin, Maria, bietet ihm eine
Alternative an: Sie kennt Kräuter, die den
Schmerz lindern, wenn auch nicht die Ursache.
Ihre Methoden sind verboten, doch sie teilt ihm
etwas mit, das ihn beunruhigt – das Fieber
verbreitet sich nicht wie eine Grippe, sondern
wie eine Idee.
In einer leeren Kapelle, deren Fenster
zerbrochen sind, beginnt Johann, alte Bücher zu
durchsuchen. Er findet einen Verweis auf eine
uralte Legende: Das Blutfieber sei nicht
körperlich, sondern geistlich – ein Fluch, der
sich auf die Seele legt, wenn der Mensch sein
Gewissen vergisst. Doch wie kann ein Fluch
heilbar sein?
Als die erste Totenliste veröffentlicht wird,
steht Johanns Name darauf. Er wurde als Verräter
gemeldet, doch niemand weiß, wer ihn verriet.
Die Kirche verweigert ihm die Beichte, und die
Stadt schließt ihre Türen. Nur Maria bleibt bei
ihm. Sie sagt: „Du bist nicht der Erste, der
diesen Weg gegangen ist. Und du wirst nicht der
Letzte sein.“
Dann passiert es: Ein Junge, der am Rande des
Sterbens lag, erwacht. Seine Augen sind klar,
und er erinnert sich an nichts. Doch die
Krankheit ist verschwunden. Johann sieht in
diesem Moment nicht den Tod, sondern die
Möglichkeit, dass der Glaube nicht tot ist – nur
verwundet.
Er schreibt eine neue Predigt, die er nicht mehr
predigen wird, sondern in den Wind wirft. Sie
trägt keinen Namen, keine Adresse. Sie trägt nur
die Wahrheit, die er gefunden hat: Dass der
Krieg nicht in den Jahren liegt, sondern in den
Herzen.
Die Stadt bleibt stumm. Doch in den dunklen
Ecken Wiens, wo das Licht nicht reicht, flüstert
jemand das erste Wort, das seit langem wieder
gehört wird.


