Der Krieg ist vorbei, aber die Stiefel des

Heeres liegen noch in den Kellerkammern von

Mittersill. Hans Schmid, ehemaliger

Obergefreiter, kehrt nicht nach Hause zurück –

er baut ein neues Leben aus Holz, Kohle und

Schweigen. Die Republik zählt die Toten, doch

die Berge zählen noch mehr: verbotene Baumstämme

aus geschützten Hängen, die er mit drei Männern

nach Süden schmuggelt. Die Kirche hat verordnet:

Kein Holz aus den alten Waldbeständen. Doch ohne

Wärme sterben die Kinder. Und Hans weiß, wer die

ersten stirbt.

Die Bergbauern, die noch an den Hängen leben,

sehen in ihm den Anführer, den sie brauchen. Er

spricht nicht viel, aber wenn er die Axt hebt,

folgt jeder. Er teilt die Kohle, bevor er selbst

sich wärmt. Er versteckt die Mütter, die nachts

mit ihren Söhnen über die Grenze laufen – nicht

aus Politik, sondern weil die Kirche sie aus dem

Dorf verbannte, als sie sich mit einem deutschen

Soldaten verbündeten. Die Republik hat verboten,

Kinder aus „kollaborierenden Familien“ zu retten.

Doch Hans schickt sie in die Schweiz, verpackt

in Säcken mit Holzspänen, unter dem Deckmantel

des Holztransports. Ein Regal mit Knochen, das

er im Keller fand – ein letztes Zeugnis vom

Lager – verbrennt er, bevor er den ersten Zug

loslässt.

Die Polizei kommt, als der dritte Transport

verschwindet. Sie finden kein Holz, aber ein

Kinderstiefel, versteckt unter einer Bretterwand.

Der Pfarrer, der früher die Kollekte für die

Waisenkinder sammelte, steht nun vor dem

Bezirksgericht – er hat unterschrieben, dass die

Kinder „nicht reichlich sind“. Hans wird

verhaftet. Nicht wegen Schmuggel. Sondern wegen

Verstoß gegen das Gesetz der Wiederaufbauordnung:

„Keine privaten Netzwerke, die staatliche

Ordnung untergraben.“

Am Morgen, bevor sie ihn abführen, legt er einen

Sack mit Brot, Käse und einem alten Kinderbuch

auf die Türschwelle der Frau, deren Sohn er vor

drei Wochen in die Schweiz brachte. Sie öffnet

ihn. Das Buch ist aus dem Jahr 1912. „Der kleine

Bergbauer“. Darin ein Zettel: „Er hat dich nicht

verraten. Er hat dich gerettet.“

Die Republik zählt die Holzstämme. Aber die

Berge zählen die Kinder, die atmen. Und Hans

Schmid? Er wird nie vor Gericht kommen. Sein

Körper findet man am zweiten Tag im Gasteiner

Tal – mit einer Axt in der Hand und einem Brief

in der Tasche, unterschrieben mit dem Siegel der

Bauernvereinigung, das seit 1934 verboten war.

Die Behörden nennen es Selbstmord. Die Kinder in

der Schweiz nennen es Geburtstag. Denn am Tag,

an dem er starb, kam der vierte Zug an. Mit fünf

weiteren. Und keinem Brief, der sagte, wer sie

gerettet hat.