Der Dichter kommt am frühen Morgen, als der
letzte Schnee der alten Route vom Zugschuppen
schmilzt — seit drei Wintern kein Winter mehr,
nur nasse Kälte, die in den Holzböden rostet. Er
trägt keinen Koffer, nur einen Lederrucksack mit
einem Buch, dessen Einband aus der Zeit vor dem
Krieg stammt. Niemand begrüßt ihn. Die
Dorfbewohner wissen, wer er ist: der Mann, der
vor vierzig Jahren schrieb, dass die Berge
vergessen würden, wenn man die Kirchenglocken
nicht mehr läuten ließ. Sie haben ihm den Rücken
zugewandt, als er nach Wien floh — und jetzt,
als der Schnee ausblieb, kehrte er zurück, als
hätte er nie gegangen.
Die Alpen haben sich verändert. Nicht durch
Krieg oder Technik, sondern durch ein Verbot:
seit 1948 ist das Läuten der Glocken in allen
Gemeinden der Salzachregion verboten — ein
Gesetz aus Wien, das „Glaubenslärmen“ als
Störung der industriellen Ruhe verbietet. Die
Kirchen sind still. Die Gletscher schmelzen
schneller. Die Bäume blühen im November. Die
Kinder kennen keinen Schnee mehr, nur feuchte
Erde und den Geruch von verfaultem Holz.
Am Abend setzt er sich in die verfallene
Schmiede, wo einst sein Vater den Pferdehuf
schmiedete. Er öffnet das Buch. Die Seiten sind
voller Gedichte, aber nur eines ist
unterschrieben: „Wenn die Glocken schweigen,
hört der Berg auf zu atmen.“ Er liest es laut —
nicht für die Leute, die ihn beobachten hinter
den Jalousien — sondern für sich. Am nächsten
Morgen findet man ihn tot auf dem Boden, die
Hand noch um das Buch gekrümmt. Kein Blut. Kein
Zeichen. Nur ein Lächeln, wie nach einem langen
Traum.
Am selben Tag bricht in der Pfarrkirche ein
Feuer aus — nicht durch Blitz, nicht durch
Elektrik. Die alte Glocke, die seit 1938 in der
Kammer lag, zerspringt von selbst. Die
Dorfbewohner sammeln die Splitter, legen sie in
einen Korb, und tragen sie zum See. Sie werfen
sie nicht hinein. Sie legen sie still aufs
Wasser. Die Glockenstücke schwimmen nicht. Sie
sinken — wie die Erinnerung, die niemand mehr
aussprechen will.
Ein junger Lehrer aus Salzburg, der das Buch
gefunden hat, versucht, es in der Bibliothek
einzulagern. Am Abend stirbt er. Die Leiche
liegt mit dem Buch auf dem Bauch. Die Seiten
sind leer. Kein Tintenfleck. Kein Wort. Nur die
Unterschrift: „Friedrich K. 1929“. Die Behörden
verbieten das Buch. Jede Kopie wird
beschlagnahmt. Die letzte gedruckte Ausgabe
liegt jetzt im Keller des Landesmuseums —
verschlossen unter zwei Schlössern. Keiner darf
sie öffnen.
Doch in der Nacht, wenn der Nebel vom
Wolfgangsee aufsteigt, flüstern die alten
Bergbauern: „Er hat recht gehabt. Wir haben das
Läuten verboten. Und der Berg hat uns
zurückgegeben — still, ohne Schnee, ohne Stimme.
“
Keiner spricht davon. Aber jeder weiß: Wer das
Gedicht liest, hört den letzten Schnee fallen —
und stirbt, bevor er ihn spürt.


