Der Soldat kehrt zurück, als der Herbst die
ersten Nebel über den Wolfgangsee legt. Seine
Stiefel knirschen auf dem Schotterweg zum
elterlichen Hof — doch der Hof steht leer, nur
ein Schild mit „Vermietet durch die
Landesentwicklung“ hängt schief am Tor. Die
Nachbarn nicken, sagen nichts. Kein „Willkommen
zurück“, kein „Was hast du gesehen?“ — nur
Blicke, die wie Eiszapfen hängen.
Die Gemeinde hat ein neues Gesetz: Wer das Wort
„1944“ ausspricht, verliert die Weinberechtigung.
Wer ein Foto aus der Zeit zeigt, bekommt die
Stromzähler abgelesen. Die Kirche hängt jetzt
ein Kreuz aus Beton auf, das kein Licht
durchlässt. Die Frauen tragen noch die alten
Dirndln, aber ihre Taschen sind voll mit Zetteln
von der neuen Partei — „Ordnung ist Heimat“,
steht drauf.
Er geht zur alten Mühle, die sein Vater vor dem
Krieg mit Knochen und Holz repariert hat. Der
Müllermüller, jetzt Gemeinderat, hält ihn am Tor
auf: „Der Keller ist gesperrt. Gesetz Nr. 7. Wer
dort hinuntergeht, verliert das Wahlrecht.“ Der
Mann zittert, als er das sagt. Nicht aus Angst
vor dem Gesetz — vor dem, was darunter liegt.
In der Nacht, als der letzte Zug nach Salzburg
abgefahren ist, bricht er mit einem Brecheisen
die Tür auf. Unter den staubigen Kisten mit
altem Getreide liegen nicht Vorräte. Sondern
Stiefel. Hunderte. Mit Namen eingeritzt. Mit
Kriegsgefangenennummern. Mit kleinen Holzkreuzen
aus Birke, die jemand jedes Jahr neu bemalt hat.
Er nimmt einen Stiefel. Den mit dem Namen
„Friedrich S.“ — sein Bruder. Der nie nach Hause
kam.
Am Morgen wird er vor der Dorfkirche
aufgegriffen. Nicht von der Polizei. Von den
Frauen. Mit Brot und Salz in den Händen. Keiner
spricht. Aber sie legen die Stiefel
nebeneinander — auf den Steinen vor dem Altar.
Die Kirche hat ihr Kreuz abgenommen. Es liegt im
Schnee.
Die Gemeinde hat nicht gewusst, dass jemand noch
lebte, der sich erinnern konnte.
Jetzt wissen sie es.
Und das Gesetz kann nicht mehr verhindern, was
im Kopf wächst.


