Im Schatten des Semmeringgebirges steht ein
altes Holzhaus, in dem seit Jahrzehnten keine
Lampe mehr brennt. Die Stumme Zeugin, eine alte
Frau namens Marta, lebt allein, ihre Stimme
verloren in einem Kriegstrauma, das sie nicht
benennen kann. Jeden Morgen schneidet sie den
Schnee vom Fensterbrett, als würde das die
Erinnerung an die Kälte jenes Winters vor langer
Zeit lockern.
Ein Tag, auf dem ein junger Mann mit einem
Fotoalbum vor ihrer Tür steht – nicht von ihr,
sondern von einem Soldaten, der vor über sechzig
Jahren im Krieg umgekommen ist. Sein Name:
Johann. Sie kennt ihn nicht, doch sein Bild
weckt etwas in ihr, das sie nie zuvor gespürt
hat. In ihrer Tasche findet sie einen Zettel,
den sie nie geschrieben hat: „Ich bin nicht tot.
Ich bin nur vergessen.“
Die Amnesie, die sie seit ihrer Jugend begleitet,
beginnt zu bröckeln. Bilder aus einem
Bombenangriff, das Geräusch von Schüssen, der
Gestank von verbranntem Holz – alles kehrt
zurück, wie Wasser, das durch einen Riss in der
Wand sickert. Sie erinnert sich an einen Tunnel
unter dem Berg, wo sie und andere Frauen
versteckt waren, bis die Luft knapp wurde. Die
Erinnerung ist kein Geschenk, sondern ein Schlag
ins Gesicht.
Ein Hard Rule: Niemand darf wissen, dass sie
sich erinnert. Wer es tut, verschwindet. Ein
zweiter Hard Rule: Keine Dokumente, keine Zeugen
– nur die Wahrheit, die sie selbst trägt.
Als die Polizei vor ihrem Haus steht, weil der
junge Mann spurlos verschwunden ist, zögert
Marta. Sie weiß, dass sie nicht länger stumm
bleiben kann. Mit einem Messer, das sie seit
Jahren nicht benutzt hat, schneidet sie den
Namen Johann in den Holztisch, den einzigen Ort,
an dem ihre Stimme noch laut genug ist, um
gehört zu werden.
Die Gegenwart ist kein Schutz, aber sie ist ein
Anfang. Die Stille des Berges wird gebrochen.


