Der Schnee auf den Dächern von St. Veit liegt
wie ein Leichentuch, seit drei Wintern. Die
Wirtin, Maria Lederer, hat das Gasthaus „Zum
goldenen Hirschen“ allein geführt, seit ihr Mann
im Winter ’44 in der Schlacht um Stalingrad
verschwand — kein Brief, kein Grab, nur das
leere Bett und die Stube, die nie kalt wurde.
Die Gäste sind Bergbauern, alte Soldaten mit
versteckten Narben, und die Kinder, die nicht
mehr singen, weil sie nicht wissen, warum.
Die Welt hat sich verändert: seit ’45 ist es
verboten, einen vermissten Kriegsteilnehmer als
„vermisst“ zu melden, wenn er in einer SSEinheit
gedient hat. Die Behörden haben einen neuen
Katalog: „untragbarer Verdacht“. Wer ihn trägt,
verschwindet. Niemand spricht davon. Doch jeder
weiß, wer es trifft.
Ein Mann kommt am ersten Mai, als die Alm wieder
grün wird. Er trägt einen grauen Mantel, der zu
gut sitzt für einen Bergmann. Er bestellt ein
Bier — das letzte aus dem Keller, das noch vor
’44 gebraut wurde. Er zahlt mit silbernen Münzen,
die nicht mehr geprägt werden. Die Wirtin kennt
sein Gesicht. Sie hat es in der Zeitung gesehen,
als sie das Foto des „Verdächtigen“ unter dem
Kaffeesatz versteckte. Er heißt Karl Hinterhuber.
Er war Adjutant im Lager von Mauthausen. Er kam
nicht zurück, als die Amerikaner kamen. Jetzt
kommt er zurück — mit einem Brief vom Bezirksamt,
der sagt: „Bitte melden Sie sich zur Rückkehr.“
Sie sagt nichts. Sie stellt das Bier hin. Die
anderen Gäste schauen aus den Fenstern. Die
Kirchenglocke läutet nicht. Der Pfarrer hat den
Morgenmessen abgesagt. Es ist Idyllisch, wie es
nur in den Alpen sein kann: die Sonne auf den
Tannen, die Kuhglocken, das Lachen der Kinder
beim Holzsammeln — und doch ist es ein Bild, das
jemand mit einem Messer aufgezogen hat, damit es
nicht einreißt.
Am dritten Tag kommt der Bezirksbeamte mit dem
Ford, der nicht mehr in Österreich gebaut wird.
Er will Hinterhuber mitnehmen. „Für die Akten“,
sagt er. Die Wirtin steht vor der Tür, mit dem
Schlüssel zur Kellerkammer in der Hand. Sie hat
das Bier nicht ausgegeben. Sie hat es nicht
weggebracht. Sie hat es in einen alten Fassboden
eingeschlossen — mit einem Holzkreuz darunter,
das ihr Mann vor dem Aufbruch geschnitzt hatte.
„Wenn Sie ihn nehmen“, sagt sie, „dann nehmen
Sie auch das Bier. Denn das ist das einzige, was
hier noch echt ist.“
Der Beamte zögert. Er kennt die Regeln. Aber er
kennt auch die Geschichte dieses Dorfes. Die
Regeln sagen: Wer einen Verfolgten versteckt,
wird als Mitwisser behandelt. Wer ein verbotenes
Getränk aufbewahrt, wird als Widerständler
verurteilt. Doch die Wirtin hat die Kellerkammer
nicht versiegelt. Sie hat sie geöffnet. Und sie
hat den Schlüssel in den Boden gesteckt — so wie
es die Bergbauern tun, wenn sie jemanden
begraben, den niemand finden soll.
Am Abend fährt der Beamte weg. Ohne Hinterhuber.
Ohne das Bier. Nur mit einem Brief, den er in
seiner Tasche lässt: „Dokumentation abgebrochen.
Keine Spur.“
Die Wirtin holt das Bier am nächsten Morgen. Sie
gießt es in ein altes Krug, stellt ihn auf den
Tisch. Sie setzt sich. Sie trinkt nicht. Sie
wartet. Die Gäste kommen. Einer nach dem anderen.
Sie setzen sich. Keiner spricht. Aber jeder
nimmt einen Schluck. Der letzte Tropfen. Dann
steht jeder auf. Geht hinaus. Gibt den Krug in
die Hände des Kindes, das am Fenster steht. Es
lächelt. Es trinkt.
Die Welt bleibt wie sie ist. Die Regeln gelten
noch. Aber der Keller ist leer. Und das Dorf hat
gesehen, was passiert, wenn jemand die Idylle
nicht mehr erträgt — und stattdessen etwas hält,
das nicht mehr existieren sollte.
Die Wirtin hat nicht gerettet. Sie hat nicht
bestraft. Sie hat nur ein Bier getrunken, das
niemand mehr brauchte — und dadurch hat das Dorf
endlich gewusst, was es verloren hat.


