Der Priester hat seit vier Jahren keine Messe
mehr gesprochen. Er zählt die Pilger in
Mariazell nicht mehr, sondern die Risse im Fels
unter der Basilika. Die Heilige Lampe, die seit
1780 ununterbrochen brennt, flackert jetzt jede
Nacht um drei Uhr. Die Kirche sagt: Wunder. Der
Priester weiß: Geothermie.
Die Technik wurde nach dem Krieg heimlich
installiert — ein Projekt der Republik, um die
Alpenmächte zu versorgen. Die Kirche ließ sie zu,
gegen jährliche Kohlelieferungen. Die Bergbauern,
die früher Holz aus dem Waldrand holten, dürfen
jetzt nicht mehr näher als drei Kilometer an die
Bohrungen heran. Wer sich nähert, verschwindet.
Ein junger Bergarbeiter aus Ybbsitz kam mit
gebrochenem Rücken und einem Satz in der Hand:
„Die Erde atmet nicht mehr.“ Er starb, bevor er
den Namen der Maschine sagen konnte. Der
Priester fand das Protokoll im Archiv: Die
Anlage läuft auf alten Habsburger Plänen, die
niemand gelöscht hat. Die Wunderlichter sind
kein Wunder — sie sind ein Ventil für einen
kranken Berg.
Am Abend des 28. September, als die letzte
Pilgergruppe abreist, betritt er die Kammer
unter der Krypta. Die Leitungen pulsieren rot.
Er zieht den Hauptventilhebel. Nicht, um sie zu
zerstören. Um sie zu stillen.
Die Lampe erlischt.
Kein Blitz, kein Donner. Nur ein tiefes,
knirschendes Stöhnen aus den Felsen. Dann
Schweigen.
Morgens finden die Nonnen ihn auf dem Boden, mit
einem Stein in der Hand — ein Stück aus dem
Gestein der Heiligen Höhle. In der Kirche brennt
kein Licht mehr. Aber draußen, auf den Hängen,
blühen die ersten Alpenrosen seit dreißig Jahren
wieder.
Die Regierung schickt Soldaten. Die Pilger
kommen trotzdem. Sie sagen: Gott hat die Lampe
genommen.
Der Priester sitzt im Pfarrhaus, schreibt keinen
Brief mehr. Er blickt aus dem Fenster. Die Luft
riecht nach Regen. Nach Erde. Nach nichts, was
man kaufen kann.
Die Anlage wird nie wieder angefahren.
Niemand spricht davon.
Aber die Berge atmen.


