Die Schiene nach Mariazell ist seit drei Jahren

stillgelegt, nicht wegen Kriegsschäden, sondern

weil der Bezirkskommissar Schmidauer die

Fahrkarten als politische Währung nutzt: Wer

nicht den Eid auf die Republik verweigert,

bekommt keinen Sitz. Die Frau aus St. Georgen am

Ybbsfeld reist zu Fuß, mit einem Leintuch und

zwei Kartoffeln, denn ihr Mann starb im

Zugunglück von Gloggnitz — oder so steht es im

Protokoll. Niemand sah die Leiche, aber sie weiß:

Er war kein Nazi, und sie will ihn nicht in

einem staatlichen Sammelgrab.

Sie schneidet durch den Hochschwab, wo die

Alpenkämme noch mit alten Minen versehen sind —

die letzte Regel der Bundesheeresleitung, die

niemand aufhebt: Wer den Bergweg nimmt, stirbt.

Der Beamte hat es nicht geschrieben, aber die

Dorfbewohner wissen es. Sie hat drei Nachbarn

verloren, die versuchten, die Spuren der Bahn zu

finden. Einer war ihr Bruder.

An der alten Station von St. Wolfgang findet sie

einen versteckten Holzschrank unter den Trümmern

— darin liegen zehn Karten, noch unbenutzt, mit

dem Stempel der Republik und einem Handschreiben

von Schmidauer: „Für die treuen Töchter des

Vaterlandes“. Sie nimmt eine. Sie weiß, dass er

sie nicht verkaufen durfte. Sie weiß auch, dass

er jeden Tag eine an einen SSMann gibt, der nach

Mariazell pilgert, um das Heiligtum zu weihen —

nicht für Gott, sondern für die neue Ordnung.

Der letzte Zug fährt nicht mehr. Aber die Gleise

sind noch da. Und sie läuft. Mit der Karte in

der Tasche, wie ein Pilger mit einem Ablassbrief.

Die Nacht fällt über den Hohen Tauern, und die

Luft riecht nach feuchtem Eisen und verbranntem

Holz. Sie hört Schritte hinter sich — nicht von

Soldaten, sondern vom Postboten aus Wieselburg,

der ihr einen Brief bringt: „Dein Mann lebte

noch, als der Zug nach Wien fuhr. Er hat

unterschrieben.“

Sie reißt ihn nicht auf. Sie geht weiter. Am

Morgen, bei der alten Kapelle, findet sie die

Leiche. Nicht in einem Sarg. In einem Kofferraum,

halb unter Schnee, mit dem Dienstausweis des

Bezirkskommissars um den Hals. Schmidauer hat

sie nicht versteckt. Er hat sie hingelegt. Als

Warnung. Als Opfer. Als letzte Fahrtkarte.

Sie nimmt den Ausweis. Und die Leiche. Und läuft

zurück — nicht zum Dorf, nicht zur Stadt. Sie

läuft zum Bahnhof. Und legt den Ausweis auf das

Gleis. Dann zündet sie die Karte an. Die Flammen

lecken an den Schienen. Der Zug kommt nicht.

Aber die Erde zittert. Und die Berge halten den

Atem an.