Der melancholische Dichter betritt das verwaiste

Almhüttenlager von St. Veit am Vogelberg, wo die

Luft nach verbranntem Holz und verfaultem Heu

riecht. Sein letzter Brief von ihr, 1934, war

mit einem roten Kreuz markiert — das Zeichen der

Verbotenen Sehnsucht, das jede Frau, die nach

dem Anschluss ein Tagebuch schrieb, mit dem

Leben bezahlte.

Er findet die Kiste unter dem vermoderten

Bodenbrett, doch die erste Seite ist nicht aus

Papier, sondern aus Leinwand: eine Zeichnung der

Muttergottes, doch ihr Gesicht ist das seine —

ein Bild, das nur im Geheimen gemalt wurde,

nachdem die Kirche 1938 alle Frauen verboten

hatte, ihre eigenen Träume aufzubewahren. Die

Weltmechanik hat sich verändert: seit der

Verordnung der „Sittlichen Reinigung“ gilt jede

Frau, die schreibt, als politischer Körper —

ihre Worte sind keine Gedanken, sondern Waffen.

Als er die zweite Seite aufschlägt, bricht die

Decke über ihm ein. Ein Bergbauer aus dem Dorf,

dessen Sohn 1943 im Krieg verschwand, hält eine

Sense an seine Kehle. „Du denkst, du kannst sie

wiederholen?“, flüstert er. „Wir haben die

Bücher verbrannt, damit die Kinder nicht lernen,

was sie verloren haben.“ Die Regel: Wer ein Wort

der Verbotenen Sehnsucht aufbewahrt, wird als

Verräter an der Heimat gebrandmarkt — und wer es

liest, wird zum Mörder der eigenen Stille.

Der Dichter zündet die Kiste an. Die Flammen

lecken die Zeichnung an, doch bevor sie

verbrennt, sieht er: unter dem Gesicht der

Madonna, tief in der Leinwand, ist ein Name

eingeritzt — nicht ihrer, sondern der seines

Vaters, der 1919 als Sozialdemokrat verschwand.

Die Wiedervereinigung war nie zwischen Menschen.

Sie war zwischen den Toten und den Lebenden, die

nicht mehr wissen durften, wer sie waren.

Die Asche weht in den Himmel über den Alpen, wo

noch immer die Glocken der Kirche nicht für die

Frauen läuten, die nicht mehr schreiben durften.

Er geht, ohne sich umzudrehen. Der Almrausch ist

vorbei. Die Stimmung bleibt.