Der Winter 1927 friert das Dörflein Klausbach
ein, seit fünf Jahren ohne Männer, seitdem die
Fronten die Täler verschluckt haben. Die Frauen
pflügen mit Pferden, beten mit gesenkten Augen,
und die Kirche verkauft die letzten Kilo
Kartoffeln für Rosenwachs. Keiner spricht vom
Vermissen.
Dann kommt sie – die geheimnisvolle Fremde – mit
einem Koffer aus Metall, der nicht klingt, wenn
man draufschlägt, und einem Mantel, der nie
schmilzt, obwohl der Tau die Dächer nass macht.
Sie sagt nichts. Sie hält nur einen Zettel mit
einer Nummer, die niemand kennt.
Die Dorfbewohner glauben, sie sei eine
Kriegswaise aus Tirol. Doch als sie die Leiche
von Josef Hinterhuber aus dem Schnee zieht – tot
seit drei Wochen, ohne Spuren, ohne Wunden –,
ändert sich das Weltgesetz: Die Toten hören auf,
sich zu verflüssigen. Früher zerflossen sie im
Frühling wie Schnee an der Sonne. Jetzt bleiben
sie. Starr. Kalt. Und sie sprechen nicht.
Die Kirche verbietet, sie zu berühren. Die
Gemeinde verhängt ein Gebot: Wer den Leichnam
ansieht, muss den eigenen Namen für immer
vergessen. Doch die Fremde legt Josef in den
alten Stall, deckt ihn mit einer Decke aus Wolle,
die nie abnutzt, und legt eine Hand auf seine
Stirn. Am Morgen ist er nicht warm. Aber er
atmet.
Ein Kind aus dem Dorf sieht es. Es rennt zum
Pfarrer. Der sagt nichts. Geht in die Kapelle.
Steht vor dem Kreuz. Zerbricht die Hostie in
seine Tasche.
Am dritten Tag öffnet sich der Schnee unter der
Fremden. Nicht auf. Herunter. Wie ein Grab, das
sich selbst füllt. Aus dem Boden steigt ein
zweiter Leichnam – der Bruder des
Dorfschulmeisters, verschollen im Krieg,
verzeichnet als vermisst. Er hat keine Augen.
Aber er trägt die Uniform von 1916.
Die Frauen des Dorfes sammeln sich. Kein Wort.
Kein Gebet. Nur Hände, die die Ärmel hochziehen,
die Nägel schneiden, die Zunge lecken, als
würden sie ein Versprechen ablegen.
Die Fremde nimmt den Schulmeister in die Arme.
Dann geht sie hinauf zum Gletscher. Mit ihm. Und
dem Koffer.
Am nächsten Morgen ist Josef aufgewacht. Er weiß
nicht, wer er ist. Aber er weiß, dass er nicht
mehr weinen darf.
Die Kirche bleibt verschlossen. Die Kinder
lernen nicht mehr lesen. Die Frauen schneiden
sich die Haare.
Und in jedem Haus, das noch steht, hängt jetzt
ein Stück Wolle aus dem Mantel der Fremden –
nicht zum Schutz. Zum Schweigen.
Die Regeln waren einfach: Wer den Tod berührt,
verliert sein Gedächtnis.
Jetzt ist die Regel gebrochen.
Jetzt ist der Tod stumm.
Und die Lebenden?
Sie atmen.
Und sie wissen: Sie werden nie wieder frei sein.


