Der Student Hans Wiesner klettert allein den

Gschwandtkopf hinauf, die Stiefel voller

gefrorenem Lehm, der aus den Ritzen der alten

Holzstufen quillt. Es ist 1927. Die Republik

zittert, Wien redet von neuen Bauten, doch hier

oben, im Schatten der Riesensäulen aus Fels und

Föhren, gilt noch das alte Verbot: Wer den Berg

betritt, nachdem die Kirchenglocken um

Mitternacht geschlagen haben, kommt nicht mehr

zurück — oder kommt als etwas anderes zurück.

Er hat keine Erinnerung an den Tag, an dem er

das Verbot gebrochen hat. Nur die Narbe an der

Hand, die wie ein gebrochener Kruzifixstab

aussieht, und die Stimme seiner Mutter, die nie

mehr sang, seit er heimkam — mit Schnee im Haar

und ohne Stimme.

Die Dorfbewohner sagen, er sei gestorben, als er

den Gipfel erreichte. Doch der Pfarrer hat ihn

nicht begraben. Weil er nicht tot war. Weil er

nicht mehr menschlich war.

Hans findet die Leiche nicht unter dem Felsen,

wie er dachte. Er findet sie im Schnee, halb in

den Baumwurzeln versunken, in der Kleidung von

1914 — dem Jahr, als sein Vater verschwand. Der

Leichnam trägt Hans’ Gesicht. Die Augen sind

offen. Die Lippen bewegen sich nicht. Doch die

Hand, die aus dem Schnee ragt, hält einen Brief,

den Hans nie geschrieben hat: „Ich hab den Berg

nicht verflucht. Er hat uns verflucht.“

Der Wind dreht sich. Die alten Felsen knirschen,

als würden sie sich drehen. Unter ihm, im Tal,

beginnt die erste Kirchenglocke zu läuten — aber

es ist erst halb elf.

Er greift nach dem Brief. Die Finger berühren

das Papier. Und plötzlich erinnert er sich: Er

hat den Berg nie betreten. Er hat ihn gebaut.

Aus den Knochen der Bergbauern, die 1918 nach

der Monarchie verschwanden, aus den Holzträgern

der Kirche, die man nie wieder geweiht hat, aus

dem Schnee, der nie schmolz, seit die erste

Leiche verschwand.

Der Berg ist kein Ort. Er ist eine Maschine. Ein

Gedächtnis, das nicht vergessen will. Und Hans

war nicht der Letzte, der ihn betrat.

Er war der Erste.

Als die zweite Glocke schlägt, bricht der Schnee

unter ihm. Nicht ein Lawinenabgang. Ein Ausatmen.

Der Berg atmet aus — und nimmt ihn mit.

Kein Leichnam bleibt zurück.

Nur ein neuer Stein, der wie ein Kruzifix

aussieht, am Wegrand.

Und im Dorf, drei Tage später, singt die Mutter

wieder.

Zum ersten Mal seit zehn Jahren.

Aber sie singt nicht das Lied, das sie vorher

sang.

Sondern das Lied, das der Berg ihr ins Ohr

geflüstert hat — als er sie das erste Mal

berührte.