Im Winter 1927, als die Republik noch zittert

und die Kirche die Toten zählt, kommt Magdalena

Schmid aus dem Bergdorf St. Veit mit dem letzten

Kind eines Bauernpaars zurück — ein Mädchen, das

nicht atmet, aber noch warm ist. Sie legt es auf

den Tisch, drückt die Rippen, bis die Lunge sich

öffnet wie ein verschlossener Berggarten. Die

Nachbarin weint nicht. Sie weiß: seit die

Pfarrer die Sterbebettsegen verbieten, wenn das

Kind „nicht rein geboren“ wurde, stirbt jedes

dritte Neugeborene im Stillen.

Die Kirche hat neue Regeln: kein Taufwasser ohne

Prüfung der Elternschaft, kein Leben ohne

Zustimmung des Bischofs. Wer ein Kind rettet,

das mit „falschem Blut“ geboren wurde — Mischehe,

Zigeunerblut, jüdische Vorfahren — wird als

Ketzer gebrandmarkt. Die Hebamme hat drei Jahre

lang die Namen der Toten in ein Holzbrett

gemeißelt. Jedes Kreuz ist verbogen, weil sie es

mit dem Hammer der Großmutter zerschlagen hat,

bevor die Pfarrer es wegnahmen.

Als sie das vierte Kind aus der Kälte holt — ein

Sohn mit einer Hautfarbe, die nicht ins Dorf

passt —, findet sie unter seinem Nacken ein

Siegel: ein Metallkreuz, das nicht aus Silber,

sondern aus einer alten Glocke geschmiedet ist,

die 1918 in Salzburg zerschlagen wurde. Die

Glocke gehörte einem Benediktiner, der die

Kinder der Kriegswitwen taufte. Die Kirche hat

sie verbrannt. Aber das Kreuz bleibt.

Sie trägt es nach Wien, in den Keller einer

ehemaligen Apotheke, wo die letzte Nonne der

Ordensgemeinschaft lebt, die das Ritual der

„Reinigung“ erfunden hat. Die Frau gibt ihr ein

Buch — nicht mit Gebeten, sondern mit Namen. 89

Kinder. Alle mit demselben Metallkreuz unter der

Haut. Alle geboren, bevor das Verbot kam. Alle

getötet, weil sie nicht „rein“ waren.

Magdalena nimmt das Kreuz. Sie schlägt es in das

Holzbrett. Das neunte Kreuz. Es biegt sich nicht.

Es steht gerade.

Am Morgen danach öffnet sie die Tür zur Wohnung,

wo drei Kinder schlafen — ein Junge mit

jüdischen Augen, ein Mädchen mit Zigeunerhaaren,

ein Säugling, dessen Mutter sich in der Donau

ertränkte. Sie legt die Hand auf ihre Stirnen.

Die Kirche wird kommen.

Aber heute Nacht ist es still.

Und das Kreuz ist gerade.