Der Zug aus Innsbruck rast durch den verbotenen
Karsttunnel unter dem Großglockner, ein Bauwerk
der Reichsbahn, das nach 1945 niemand mehr
abreißen durfte — nicht weil er sicher war,
sondern weil er Geheimnisse barg. Drei Monate
nach dem Ende des Krieges, als die ersten
Kaffeehäuser in Wien wieder aufmachten, starb
der letzte Bergführer der Region im Schutt des
entgleisten Waggons, dessen Wagennummer 17 noch
heute in keinem Fahrplan steht.
Die Wirtin vom letzten Gipfel, Elisabeth Hofer,
zählte die Toten nicht — sie sammelte ihre
Taschenuhren. Jede, die aus dem Tunnel kam,
legte sie in eine Holzkiste unter dem Tresen,
neben die drei Uhren aus dem Jahr ’38, als die
ersten SSMänner mit Karten der alten
HabsburgerBergwerke kamen und das Tal
verriegelten. Sie wusste, dass der Tunnel nicht
für Züge gebaut worden war, sondern für
Schmuggel — nicht von Waren, sondern von Leichen,
die nicht in die offiziellen Sterberegister
durften.
Als der vierte Zug nach dem Krieg durchbrach,
lag ein Mann mit gebrochenem Schlüsselbein vor
ihrer Tür, den sie nicht kannte, aber dessen Uhr
— eine mit einem verzierten Edelweiß — sie
erkannte. Er war der Sohn des Bergführers, der
im ersten Tunnelzug starb. Sie gab ihm Brot,
Wasser, eine Decke aus dem alten Lager — und
sagte nichts. Doch als er am dritten Morgen
aufstand, um nach oben zu gehen, nahm sie ihm
die Uhr ab, stieg mit ihm hinauf, bis zum
Eingang des Tunnels, wo der Schnee noch immer
roch nach verbranntem Metall.
Sie zog ihn zurück.
Ein Gesetz der Gemeinde, seit 1946 gültig: Wer
den Tunnel betritt, wird nicht mehr als Mensch
zurückgebracht — und wer ihm hilft, wird zum
Mitwisser. Die Polizei ignorierte es. Die Kirche
predigte Schweigen. Die Wirtin jedoch zündete
ein Streichholz an, legte es auf den Boden vor
dem Tunnelportal, und ließ es brennen, bis die
Holzlatte, die den Eingang seit 1939 versiegelte,
in Flammen aufging.
Drei Tage später wurde der Tunnel gesprengt —
offiziell wegen Einsturzgefahr. Niemand fragte,
warum die Wirtin zwei Tage zuvor die letzte
Kiste mit den Uhren in den Fluss warf.
Sie blieb.
Ihr Gasthaus steht noch. Die Uhren sind fort.
Aber wer heute nachts an der Bar sitzt und einen
Grappa trinkt, hört manchmal ein Zischen — wie
eine alte Uhr, die noch tickt, obwohl ihr
Federwerk längst gebrochen ist.
Die Wirtin weiß es.
Sie sagt nichts.
Und das ist der einzige Akt der Sühne, den das
Tal je gesehen hat.


