Im Herbst ’52, nachdem die letzte Käserei in
Hochfilzen zugesperrt wurde, zieht Anna, das
rebellische Dienstmädchen aus dem Haus des
ehemaligen Gemeinderats, durch den Nebel zur Alm
„St. Luzia“. Sie trägt nicht nur den Holzschrein
mit der verbotenen Figur der Heiligen Walburga —
sie trägt das letzte Bild, das die alten Bauern
noch heimlich verehrten, nachdem die Kirche 1949
alle lokalen Heiligenverehrungen unter Androhung
von Kirchenbann verboten hatte. Die Welt hat
sich verändert: Der Staat regiert jetzt mit
Briefen, nicht mit Glocken; wer ein Bild der
Heiligen hält, wird als „rückständig“ angesehen,
wer es verbirgt, als Verräter des Fortschritts.
Sie geht nicht zur Pilgerfahrt — sie geht, weil
die Alm der einzige Ort ist, der noch atmet, wie
es die Alten taten. Der Weg führt über den
„Kreuzweg der Stummen“, wo die Überlebenden des
Krieges seit 1945 ihre Namen nicht mehr
aussprechen, sondern Steine aufeinanderlegen.
Jeder Stein bedeutet: Ich habe jemanden verloren.
Und ich sage nichts. Anna legt einen Stein dazu —
für ihren Bruder, der in der Slowakei starb,
weil er kein „Deutschtum“ mehr beweisen wollte.
Auf der Alm steht der letzte Hirte, der nicht
weggezogen ist. Er hat die Kuhherden nicht
verkaufen lassen, nicht einmal für die neuen
Agrarsubventionen. Er schweigt, als sie den
Schrein unter dem Dachboden einlässt. Die
Regierung hat 1951 verboten, dass Almen nach
Sonnenuntergang beleuchtet werden — jede Lampe,
jede Kerze, jede Flamme ist ein Zeichen wider
die neue Ordnung der Nacht. Doch Anna zündet
eine Wachskerze an. Sie ist die erste seit drei
Jahren.
Der Wind trägt den Duft von Almrausch und Rauch
aus dem Ofen — Idyllisch, wie es einmal war. Der
Hirte hebt den Blick, sieht die Kerze, senkt den
Kopf. Am Morgen liegt ein Brief auf der Schwelle:
Der Bezirkskommissar kommt in zwei Tagen. Mit
einem Kriminalbeamten. Mit einem Beschluss, die
Alm als „unzulässige Sammelstelle für
klerikalreaktionäre Symbole“ zu beschlagnahmen.
Anna nimmt das Bild, vergräbt es unter der alten
Fichte, wo der Schnee nie taut. Sie geht
hinunter — nicht zurück ins Haus, nicht zur
Stadt. Sie geht zur nächsten Gemeinde, wo man
noch mit der Hand arbeitet und die Kinder die
Namen der Heiligen flüstern, wenn sie glauben,
niemand hört.
Sie hat nicht gewonnen. Aber sie hat das Bild
gerettet. Und sie hat die letzte Kerze
angezündet.
Die Alm wird morgen abgerissen.
Die Kerze bleibt.
Und die Stille?
Die wird nicht mehr dieselbe sein.


