Das Mädchen kommt mit einem Holzrucksack und
zwei Kilo Speck nach Wien, als die ersten Taxen
mit roten Lampen durch den Naschmarkt fahren.
Sie sucht ihren Bruder, der nach der Armee
verschwand — sie weiß nur, dass er das Horn
mitgenommen hat. Das Horn aus Zirbe, mit den
drei Gravuren, die man nur in den Alpen
schneidet. Die Stadt nennt es „Bergsteigerkult“ —
die Polizei nennt es „Verbotenes Zeichen“.
In der Mietwohnung am Praterstern findet sie
sein Tagebuch. Keine Worte. Nur eine Notiz: „Sie
hören es in der Nacht. Dann schweigen sie.“ Sie
versteht nicht. Bis sie es hört. Ein einziger
Ton, tief wie ein Bergsturz, aus dem Keller der
alten Bäckerei in Favoriten. Drei Tage später
wird der Bäcker tot aufgefunden — Mund offen,
Finger verkrampft um ein Holzstück. Die Zeitung
schreibt: „Herzversagen“. Die Polizei schließt
den Keller.
Sie findet das Horn unter dem Bodenbrett. Es
riecht nach Rauch und altem Fleisch. Sie spielt
es nicht. Sie hält es nur. Am Abend klopft ein
Mann an die Tür. Kein Uniform. Kein Name. Nur
ein Hut und ein Atem, der nach Wurzeln und Kohle
riecht. Er sagt: „Du hast es berührt. Jetzt bist
du es.“ Sie schweigt. Er geht.
Am dritten Tag geht sie zum Ring. Die Republik
feiert den neuen Verfassungstag. Die Bürger
tragen Kranz aus Edelweiß. Die Soldaten stehen
mit Gewehren, die nicht schießen. Sie steigt auf
den Balkon des alten Theatergebäudes — dort, wo
das Horn einst für die Bergbauern gespielt wurde,
um die Lawinen zu warnen. Sie bläst. Einmal.
Es ist nicht laut. Aber die Straßen ersticken.
Die Kränze fallen. Die Soldaten senken die
Gewehre. Ein Mann im ersten Stock weint. Ein
alter Bauer aus dem Zillertal, der seit 1921 in
Wien arbeitet, bricht zusammen und flüstert:
„Endlich.“
Sie wird abgeführt. Kein Prozess. Keine Anklage.
Nur ein Zug nach Linz. Im Gepäck: das Horn. Und
ein Zettel der Polizei: „Zurück in die Berge.
Dort ist es noch erlaubt.“
Am Bahnhof zittert sie. Nicht vor Angst. Vor Wut.
Denn sie weiß jetzt: Das Horn war nie ein Brauch.
Es war ein Signal. Und die Republik hat es
verboten, weil es erinnerte — wer die Berge
verlor, verlor auch die Wahrheit.
Sie wird nie mehr spielen. Aber sie wird nie
mehr schweigen.


