Im Herbst 1923 friert der letzte Bergbauer von

St. Wolfgang in seinem Haus am Wolfgangsee,

dessen Dach noch aus altem Lärchenholz ist,

während die Republik in Wien die Grundsteuer

erhöht. Sein Vater hat das Land vor 1897 vom

Kaiser erworben — nun wird es als „nicht

produktiv“ eingestuft, weil er kein Vieh hält

und kein Holz verkauft. Die neue Gesetzeslinie:

Wer nicht in die landwirtschaftliche

Genossenschaft eintritt, verliert das Recht auf

Wasserrechte. Er weigert sich. Die Wasserleitung

wird abgeschnitten. Er holt Wasser aus dem Bach,

der jetzt von der Gemeinde bewacht wird.

Seine drei Söhne sind verschwunden: Zwei starben

im Krieg, der dritte kehrte als Soldat der Roten

Garde aus München zurück — nicht mit Ehren,

sondern mit einem gebrochenen Arm und einem

Mantel, der nach Tabak und Revolution roch. Der

Vater hat ihn nicht aufgenommen. Die Nachbarn

schweigen. Sie haben ihre Söhne verloren, ihre

Kirchen sind leer, und sie fürchten die Polizei,

die jetzt in weißen Uniformen durch die Dörfer

fährt, um „unpatriotische Haltungen“ zu

registrieren. Die Alpen sind kein Heiligtum mehr.

Sie sind ein Gebiet, das man verwalten muss.

Im Januar 1928 kommt der Steuerbeamte mit zwei

Gendarmen. Die Kiste mit den letzten Kartoffeln

wird abtransportiert. Der Vater greift nach der

alten Sense. Er schlägt nicht. Er hält sie nur

hoch, wie ein Kreuz. Die Gendarmen zögern. Sie

kennen ihn. Sie wissen, dass er nie ein Wort

gesagt hat — nicht nach dem Tod seines Sohnes,

nicht nachdem die Kirche das Kreuz abnahm, weil

es „nicht mehr zeitgemäß“ sei. Sie gehen. Aber

sie lassen die Beschlagnahmungsliste zurück.

Unter „Wert“ steht: „0 Schilling. Nur noch Erde.

Der verlorene Sohn kommt zurück im März. Nicht

zum Heimkommen. Er kommt, um das Haus zu

verkaufen. Für einen Bauernhof in der Steiermark,

der jetzt mit Elektrizität läuft. Er trägt eine

Brille, die nicht aus Wien ist. Er sagt nichts.

Nur dass die Republik ihn gelehrt hat, dass

Heimat kein Erbe ist — sondern ein Vertrag, den

man unterschreibt oder verliert. Der Vater

schaut ihn an, wie man einen Fremden ansieht,

der den eigenen Namen vergessen hat. Er gibt ihm

den Schlüssel. Nicht aus Schwäche. Aus

Entschlossenheit. Er weiß: Wer nicht mehr glaubt,

was er bewahrt, der braucht es nicht.

Am Abend des vierten Tages zündet er den Ofen

nicht mehr an. Er legt sich in das Bett, das

seine Frau vor zwanzig Jahren gestrickt hat. Er

nimmt den letzten Bissen Brot, das er selbst

gebacken hat, und beißt hinein, als ob es das

letzte wäre. Es ist das letzte. Die Nachbarn

hören das Krachen des Holzes im Kamin nicht mehr.

Sie sagen nichts. Sie wissen: Der Bergbauer hat

gewählt, was er nicht mehr halten konnte — und

hat es nicht verloren. Er hat es einfach nicht

mehr gebraucht. Der Schnee fällt über dem Haus,

bevor die Polizei kommt, um es abzureißen. Der

Boden bleibt leer. Niemand baut darauf. Niemand

pflanzt. Die Alpen atmen weiter. Still.