Im Herbst 1929 liegt Schloss Riedegg in den

Niederen Tauern in Trümmern: die Heizung bricht,

die Keller sind voll Wasser, die Bauern vom Dorf

haben die Steuern nicht mehr gezahlt – seit die

Republik die Adelsprivilegien abschaffte und die

Banken die Hypotheken einziehen. Die Gräfin

Eleonore von Riedegg, einziges Kind der alten

Linie, sitzt im Speisesaal mit einem halben Brot

und dem letzten Glas Edelbrand, während draußen

die ersten Schneeflocken die verfallenen

Weinberge bedecken. Sie hat keine Brüder, keinen

Geldgeber, keinen Mann, der sie will – nur ein

Angebot von Johann Brandner, dem Stahl und

Holzhändler aus Gmunden, der seit Jahren die

alten Holzflößen auf der Enns kontrolliert und

nun plötzlich auch die Landgüter will.

Sie unterschreibt die Eheurkunde am 12. November,

ohne dass jemand sie fragt. Der Pfarrer aus

Molln liest den Text, die Zeugen sind zwei

Bauern, die seit Jahren für sie arbeiten – und

die wissen, dass sie nicht heiratet, um Liebe,

sondern weil das Schloss sonst in die Hände der

Nationalsozialisten fällt, die Brandner bereits

unterstützt. Die Regel: Wer das Land verliert,

verliert das Recht, darauf zu wohnen. Die zweite

Regel: Wer die Gräfin heiratet, erhält nicht nur

das Land, sondern auch das Monopol auf die

Holzlieferungen aus den Wäldern – und damit den

Einfluss auf alle Bergbauern, die seit Jahren

stillschweigend gegen die Republik protestieren.

Am Tag nach der Hochzeit zieht sie in die

Fabrikvilla in Gmunden – ein weißer Kasten mit

Glastüren und elektrischem Licht, wo sie nicht

mehr in den Wäldern spazieren darf, weil „die

Luft von den Sägewerken nicht gesund ist“. Sie

verliert ihren Hund, den sie aus Wien

mitgebracht hat, weil Brandner sagt, Hunde seien

„bourgeoise Schwäche“. Sie hört nicht auf zu

schreiben – Briefe an vertriebene Dienstboten,

Gedichte über die alten Bäume, die nun als

Bretter durch die Stadt fahren. Niemand liest

sie. Niemand fragt.

Im Frühjahr 1930, als die ersten Arbeiter in der

Fabrik wegen Lohnkürzungen streiken, öffnet sie

das Tor ihres Hauses – nicht für die Polizei,

nicht für die Parteileute, sondern für die

hungernden Kinder aus dem Dorf. Sie backt Brot

mit dem letzten Mehl, das sie aus dem Schloss

gerettet hat, und stellt es auf den Hof.

Brandner schreit, sie solle aufhören – „das ist

Sozialismus“. Sie antwortet nicht. Sie gibt den

Kindern das Brot. Einige Tage später finden sie

ihre Handschrift in der Zeitung: „Wer das Land

nicht mehr liebt, darf es nicht besitzen.“

Sie wird nicht verhaftet. Sie wird nicht

geschlagen. Aber am 3. Mai 1931, als die erste

Straße nach Salzburg asphaltiert wird und die

Fabrik ihren ersten LKW auf die neue Straße

rollen lässt, verlässt sie das Haus – mit einem

Koffer, einem alten Buch und dem Bild ihrer

Mutter. Sie geht zu Fuß über den Katschberg,

nach Lienz, wo eine ehemalige Köchin aus dem

Schloss sie aufnimmt. In der kleinen Pension

schreibt sie weiter. Die Kinder aus dem Dorf

kommen manchmal, bringen Holz und Äpfel. Sie

schenkt ihnen Bücher.

Kein Titel, kein Geld, kein Schloss. Aber sie

hat nicht zugestimmt. Und das ist der erste

Funke, der in der stillen Nacht der Umbruchzeit

brennt – nicht für Revolution, nicht für Politik,

sondern für die Gewissheit: dass man etwas

halten kann, auch wenn man alles verliert.