Im Herbst 1927, mitten in der Umbruchzeit, hält

die furchtlose Hebamme Anna Mitterer in St. Veit

an der Glan die letzte Geburt des Jahres. Der

Vater ist ein ehemaliger Offizier, der seit dem

Zusammenbruch der Monarchie als Schmied schweigt.

Das Kind kommt mit einer blauen Fleck am Hals —

wie jene, die man in den Lazaretten der Front

gesehen hat. Niemand spricht davon. Die Kirche

hat verboten, dass man die Kinder der

„verdächtigen“ Familien taufen lässt, wenn der

Vater im Krieg desertiert oder in Wien links

agiert hat.

Drei Wochen später bringt Anna ein Mädchen zur

Welt, dessen Haut unter dem Licht der Lampe

leuchtet, als wäre es mit Ruß überzogen. Der

Vater, ein ehemaliger SSAnwärter aus dem

Kriegsgefangenenlager, stirbt zwei Stunden nach

der Geburt — an einem Herzschlag, den niemand

untersucht. Die Gemeinde sagt: Gottes Strafe.

Anna weiß: Es ist die Luft. Die Schwermetalle

aus den alten Waffen, die die Bauern im Keller

vergraben haben, um sie nicht abliefern zu

müssen. Der Staat hat die Waffen nicht

eingezogen. Die Bauern haben sie eingeschmolzen.

Die Kinder bekommen sie in die Knochen.

Ein weiteres Kind, diesmal von einer Frau, deren

Mann in Tirol verschwunden ist — sie wird von

der Polizei abgeholt, bevor Anna das Neugeborene

wäscht. Die Regierung hat ein Gesetz erlassen:

Kinder mit „anormalen Merkmalen“ dürfen nicht in

öffentliche Schulen. Die Hebamme versteckt das

Baby unter dem Dachboden. Sie kennt die Regeln.

Aber sie kennt auch, dass die Kirche seit drei

Jahren keine Taufurkunden mehr ausstellt, wenn

der Vater nicht im „Ordnungsdienst“ diente.

Als das vierte Kind mit gebrochenen Rippen

geboren wird — vom Vater geschlagen, weil er „zu

viel vom Krieg gesehen hat“ — geht Anna in die

Gemeindeversammlung. Sie legt die Kinder

nacheinander auf den Tisch. Keine Worte. Nur die

Haut. Die Flecken. Die verformten Glieder. Ein

Pfarrer bricht zusammen. Ein Bauer wirft seinen

Hut ins Feuer. Die Polizei kommt. Anna wird

verhaftet. Nicht wegen der Kinder. Sondern weil

sie die Liste der Väter mit den Namen der

Waffenfabriken in Linz und Graz geführt hat —

die seit 1922 geheim weiter produzieren, um die

Reparationen zu bezahlen.

Sie stirbt in der Zelle, bevor das Verfahren

beginnt. Ihr letzter Eintrag im Geburtenbuch:

„Kinder, die nicht geboren werden dürfen, weil

das Land sie nicht sehen will.“

Am Morgen danach legt ein junger Lehrer, der

ihre Notizen gefunden hat, einen Stein auf den

Friedhof — nicht über ihr Grab, sondern über das

erste Kind, das sie geboren hat. Kein Name. Kein

Kreuz. Nur der Stein. Und die Alpen, die still

bleiben.

Melancholisch. Wie immer.