Im Herbst 1922, mitten im Umbruchzeit, als Wien
sich zwischen Sozialdemokraten und Heimwehren
zerreißt, stirbt der letzte Bergbauer von St.
Wolfgang an der Pest. Seine Tochter, die
ehrgeizige Erbin, bringt den Leichnam nicht zur
Kirche, sondern zum alten Holzstadel am Rand des
Dorfes. Sie hat ein Papier aus Salzburg: Ein
Gesetz aus der Republik, das verbietet, Kranke
zu verbrennen — nicht einmal, wenn die Gemeinde
es seit drei Jahrhunderten tut.
Die Dorfbewohner schweigen. Nicht aus Respekt,
sondern aus Angst. Die Kirche hat das Ritual
geheiligt: Die Pestkranken werden lebendig in
den Kamin des Hauses gesteckt, damit der Berg
sie nimmt und die Luft rein bleibt. Wer das
Ritual bricht, bringt den Fluch auf das ganze
Tal.
Sie zwingt drei junge Männer, die Leichen zu
tragen — nicht zum Friedhof, sondern zur neuen
Leichenhalle, die sie mit Geld aus Wien bauen
ließ. Einer von ihnen, der Sohn des ehemaligen
Pfarrers, bricht zusammen, als er den Leichnam
des kleinen Hansi öffnet: Die Haut ist blau, die
Augen eingefallen, aber die Hände halten noch
den Holzsoldat, den er letzte Woche geschnitzt
bekam.
Am dritten Tag brennt die Kirche. Niemand sagt,
wer. Aber die Frau sieht, wie der Pfarrer einen
Sack mit Asche aus dem Kamin holt — und ihn in
die Kiste mit den Leichen legt. Sie schreit
nicht. Sie schlägt ihn nicht. Sie lässt die
Asche mit den Toten begraben.
Am Morgen danach geht sie allein zum Gipfel des
Rax. Sie bringt einen Sack mit. Darin: die Namen
aller Kinder, die man verbrannt hat — auf Papier,
mit Tinte aus Wien. Sie legt sie in einen
Steinbruch, den die Bergleute vor hundert Jahren
verlassen haben. Sie füllt ihn mit Erde.
Drei Tage später kommt der Bezirkspolizist. Er
hat ein Schreiben aus Wien: Die Republik zahlt
keine Beihilfe mehr, wenn man „unrechtmäßige
Bestattungen“ durchführt. Er sieht die neue
Grube. Er sieht die Namen. Er sagt nichts.
Die Erbin geht zurück ins Dorf. Die Kinder
sterben weiter. Aber sie liegen nicht mehr im
Ofen. Sie liegen in der Erde. Und der Berg, der
einst alles verschluckte, hält nun still.
Die Regel hat gebrochen. Nicht durch Gewalt.
Durch Stille.
Die Gemeinde spricht nicht mehr von Flüchen. Sie
redet von Bäumen. Von Wurzeln. Von dem, was man
nicht verbrennen kann.
Sie hat gewonnen.
Denn sie hat das Erbe nicht geerbt.
Sie hat es begraben.


