Der letzte Zug aus Graz fährt durch den

Schneesturm am 14. März 1923. Ein Koffer mit

Heimatblättern und einem verrosteten Schlüssel

landet in der Hand der Frau an der Station

Ottakring. Sie hat keine Papiere, nur einen

Namen: Anna Hinterhofer, ehemalige

Volksschullehrerin aus dem Zillertal.

Die Stadt atmet nicht mehr. Die Dächer sind kahl,

die Häuser schwarz vom Rauch der Brennholzfeuer.

In den Gassen hängen Flugblätter mit roten

Buchstaben: „Kein Platz für Verräter“. Die

Reichsratswahl steht bevor, und jeder Schritt

wird gewichtet.

Anna findet Arbeit als Unterrichtshilfe in einer

Arbeiterkinderschule im 13. Bezirk. Ihre Schüler

tragen ausgefranzte Jacken, lachen selten,

zählen die Tage bis zum nächsten Essen. Sie

unterrichtet Geographie, aber zeigt ihnen statt

Karten die Berge – ihren eigenen Heimatgipfel,

der in der Ferne leuchtet, obwohl er seit Jahren

verloren ist.

Am 27. April stößt sie im Keller eines

abgerissenen Schulgebäudes auf eine Holzkiste.

Darin: ein Notizbuch mit handschriftlichen

Listen. Namen. Adressen. Eine Liste der

Verschollenen nach dem Kriegsende 1918. Und

darunter: ihr eigener Name. Mit einem Datum:

„Hinterhofer, Anna – 1919, Mauthausen, vermisst“.

Sie blickt in den Spiegel des Staubes. Die

Regierung hat die Liste der „Kollaborateure“

eingezogen. Jeder, der sie je genannt hat, wird

befragt. Wer diese Liste trägt, wird als Spion

verhaftet.

Am 5. Mai fällt der erste Schnee über Wien. Anna

reist nach Zell am See. Der Weg führt durch

Bergdörfer, deren Männer fort sind, deren Frauen

in grauen Schals sitzen und schweigen. Am

Dorfanger steht ein Stein mit zwei Namen:

Hinterhofer. Keine Erinnerung. Nur eine Tafel.

Dort findet sie einen Brief. Unterschrieben von

ihrer Schwester, verstorben 1920. „Du darfst

nicht zurückkommen. Sie suchen alle, die noch

leben.“

Anna kehrt zurück. Sie gibt ihre Stelle auf. In

der Nacht vor der Wahl schiebt sie das Notizbuch

in einen Kohlenkasten. Ihr Fahrrad wird

gestohlen. Ein Mann in Uniform folgt ihr drei

Tage lang.

Am 12. Mai wird die Reichsversammlung eröffnet.

Anna steht vor dem Rathaus. Sie hält das

Dokument in der Tasche. Sie könnte es verbrennen.

Oder es öffnen. Stattdessen steckt sie es in die

Tasche ihres Mantels, geht weiter.

An jener Abend bricht ein neuer Winter herein.

Die Luft riecht nach Eisen. Ein Gerücht geht um:

eine Lehrerin sei in den Bergen verschwunden.

In der Folge werden fünf Namen aus der Liste

gefunden. Keiner wurde je geboren. Keiner lebt.

Doch alle wurden notiert.

Und in der Bibliothek des neuen Museums wird ein

neues Archiv angelegt. Mit dem Titel:

Wiedervereinigung ohne Toten.

Anna Hinterhofer bleibt unbekannt. Aber die

Liste existiert. Und niemand weiß, wer sie

geschrieben hat.

Heroisch. Denn sie tat nichts. Und alles.