Der Dichter steht vor dem Alpenhaus, das einst
seiner Familie gehörte — nun ein Staatsarchiv
für „entartete Erinnerungen“. Die Republik hat
die alten Hausnamen verboten, die Gemälde der
Habsburger abgehängt, und das Holz der Treppen
verbrannt, weil es mit Goldfolie verziert war.
Er hat nichts mehr, außer einem Koffer mit zwei
Büchern und einem Brief, den er nie abschicken
durfte.
Er schläft in der Stube, wo früher die
Kaffeemaschine dampfte — jetzt steht da ein
rostiger Weckert, der jeden Morgen um fünf die
Nachbarn warnt: „Keine alten Lieder. Keine Namen.
“ Der Staat zählt die Stunden, nicht die Toten.
Am dritten Tag findet er unter dem Bodenbrett
den Brief seines Bruders — geschrieben, bevor er
an der Front verschwand. Nicht um Trost, sondern
um Geständnis: Er hat den Pfarrer erschlagen,
der das Haus beschlagnahmt hatte. Der Bruder
trug die Uniform der Republik, aber die
Handschrift war die des Sohnes des letzten
Kaisers.
Der ehemalige Soldat, der jetzt als Wächter im
Dorf arbeitet, kommt mit einem Sack Kartoffeln.
Er sagt nichts. Aber er lässt eine alte
Ziehharmonika auf dem Tisch liegen — dieselbe,
mit der der Dichter als Kind „Im Abendrot“
spielte. Die Melodie ist verboten.
Am Abend brennt der Soldat die Ziehharmonika im
Ofen. Die Flamme leckt an den Holzstäben, als
würde sie eine Stimme verschlucken. Der Dichter
sieht, wie der Soldat weint — nicht um den Krieg,
nicht um den Tod, sondern weil er weiß: Der
Brief im Boden ist kein Beweis. Er ist ein
Zeugnis. Und Zeugnisse werden nicht mehr
geduldet.
Am Morgen steht das Haus leer. Die Türen sind
verschlossen. Der Dichter ist verschwunden. Nur
der Brief liegt auf dem Tisch — unversiegelt,
aber nicht gelesen.
Die Republik wird ihn nicht suchen. Sie hat
schon zu viele verloren.
Und die Berge? Sie schweigen. Wie immer.


