Der Winter 1927 frisst die Letzten in Kitzbühel.
Die Republik hat das Almrecht abgeschafft, die
Bergbauernhöfe werden versteigert — an Wiener
Bankiers, die nie einen Schnee gesehen haben.
Franz Kainz, 58, letzter echter Bergbauer des
Tals, steht mit dem letzten Stück Land, das
nicht versteigert wurde: seine Almhütte, drei
Hektar, steil, karg, unrentabel. Die neue
Gesetzesordnung sagt: Wer nicht maschinell
bewirtschaftet, verliert. Er bewirtschaftet
nicht. Er überlebt.
Drei Wochen nach der Versteigerung fährt ein
schwarzer Fiat mit WienKennzeichen auf den Hof.
Zwei Männer in Anzügen, mit Zahlen in der Hand.
Sie wollen die Hütte als „kulturelle Attraktion“
umbauen. Ein Schild soll drauf: „Authentische
Alpenwelt“. Franz nimmt die Urkunde nicht an. Er
legt sie ins Feuer. Die Flammen lecken die
Zahlen, die Namen der Bank, die Namen der neuen
Besitzer. Niemand kommt, um zu schauen. Die
Dorfjugend ist weg, nach Wien, in die Fabriken.
Die Kirche predigt Duldsamkeit. Der Pfarrer hat
sein Fenster zugemauert.
Im Frühjahr 1928 kommt der erste Schnee zu früh.
Die neue Besitzerin, eine Frau mit Pelzmütze aus
Graz, fährt mit ihrem Mann hinauf, um die Hütte
zu besichtigen. Sie bringt einen Koffer voller
Möbel aus dem Wiener Kaufhaus. Franz sieht sie
von der Felskante. Er hat die Holzstufen der
Hütte herausgebrochen, die Treppe ins
Erdgeschoss. Er hat die Dachbalken mit Treibholz
durchtränkt, das er seit ’14 aufgesammelt hat —
aus den Trümmern der Front, aus den Zügen, die
nach Galizien fuhren. Er zündet es an, als sie
die Tür öffnen.
Die Flammen fressen nicht nur das Holz. Sie
fressen die neuen Wände, die weißen Vorhänge,
die Kaffeemaschine, die Fotografien von
Alpenpanoramen, die sie als „Heimat“ verkauft
haben. Franz steht am Rand des Abgrunds, sieht,
wie die Frau schreit — ohne Laut. Die Luft ist
zu kalt für Schreie. Der Mann stürzt ins Feuer,
um sie zu retten. Sie stirbt nicht. Er stirbt.
Franz nimmt die Holzschaufel, die er einst
seinem Sohn gab, der im Schützengraben verreckte.
Damit schlägt er die letzte Scheibe ein. Die
Glühende fällt auf den Boden. Die Hütte brennt
bis auf die Fundamente. Niemand kommt, um zu
löschen. Die Polizei schreibt: „Unfall durch
defekte Heizung.“
Im Herbst 1928 steht kein Bauernhof mehr in
Kitzbühel. Nur ein schwarzer Kreis im Gras. Und
ein Stein, den Franz vor drei Tagen in den Boden
gerammt hat. Kein Name. Kein Datum. Nur ein
Kreuz, geschnitzt aus einem alten
Weihrauchkasten, den er aus der Kapelle
gestohlen hatte, als die Kirche den Krieg vergaß.
Die Alpen haben ihn nicht verlassen. Er hat die
Alpen verlassen — mit einem Feuer, das kein
Gesetz löschen kann. Die Welt hat sich verändert.
Er hat sie nicht verändert. Er hat sie nur
gezeigt. Und niemand hat hingesehen.


