Die Frau aus Wien, ehemals Lehrerin, betritt das

Almhaus am Morgen des 15. September 1952. Der

Dachboden ist voller Staub, die Kälberstube

vermauert — doch unter dem verrotteten

Bodenbrett liegt ein Metallkasten mit fünf Namen,

eingraviert in Blech: alle aus dem Judenhaus in

Graz, alle verschwunden nach ’44. Sie weiß: ihr

Mann hat sie versteckt. Er starb nicht an der

Front, sondern in der Schneise zwischen St.

Johann und Kössen, als er die letzte Frau trug,

die noch atmete.

Seit drei Jahren führt der ehemalige Bergführer,

nun mit gebrochenem Rücken und einem silbernen

Kruzifix an der Kette, eine Gruppe von drei

Männern. Sie transportieren Lebensmittel in

Holzkisten mit falschen Bodenplatten. Die Kirche

schweigt. Der Bürgermeister zählt die Einwohner —

aber nicht die, die nicht auf den Listen stehen.

Die Regel: Wer die Jause am Almhaus nicht

anbietet, ist kein Freund. Wer sie annimmt,

bleibt still. Wer sie ablehnt, wird vergessen.

Am Tag der letzten Jause, wenn die Almweide

voller Edelweiß ist, bringt der Anführer drei

Kinder in den Keller. Sie sind die letzten. Die

Gemeinde feiert die Ernte — Trompeten, Riesling

aus dem Burgenland, Kinder tanzen den

Schuhplattler. Doch die Frau, die nie mehr sang,

öffnet die Kellertür. Sie legt drei Teller mit

Kaiserschmarrn, Butterbrot mit Zwiebeln, und

eine Flasche Most auf den Boden. Kein Wort. Nur

das Knacken der Tür, als sie sich schließt.

Dann kommt der Polizist. Nicht vom Bezirk. Von

Wien. Mit einem Aktenordner, der nur einen Namen

trägt: Emil Vogt. Der Bergführer steht auf,

zittert nicht. Er nimmt den Teller — isst einen

Bissen. Dann sagt er: „Gehn Sie. Heut is’ kein

Tag zum Suchen.“ Der Polizist geht. Nicht wegen

der Stimme. Sondern weil er selbst als Kind in

der Nähe von Hall in Tirol einen Jungen

versteckte — und seine Mutter dafür ins Lager

kam. Er kennt den Geschmack dieser Jause. Und er

weiß: Wer sie teilt, hat nichts mehr zu

verlieren.

Am Abend brennt das Almhaus. Nicht von außen.

Von innen. Die Frau zündet die Leiterstufen an,

die zum Dachboden führen. Der Kasten mit den

Namen bleibt. Unter den Aschebrocken liegt ein

einziger Zettel: „Sie haben uns gesehen. Das ist

genug.“

Die Gemeinde redet nicht mehr davon. Die Jause

wird nie wieder serviert. Aber jedes Jahr, am 15.

September, legt jemand ein Stück Kaiserschmarrn

auf das alte Fensterbrett — und niemand fragt,

wem es gehört.