Im Tannheimer Tal wird der letzte Gottesdienst

seit 1945 ohne Kirchenglocke gefeiert. Der

Schnee hält die Straße zu, aber die Frauen

kommen trotzdem — in dunklen Mänteln, mit

schweren Rucksäcken. Kein Wort. Nur die Hände,

die sich aneinanderlegen, als ob das Gebet nur

noch in Berührungen steckt.

Der Priester, ehemals Lehrer am Dom in Innsbruck,

hat den Segen abgelehnt, den nun jeder

katholische Geistliche unter Eid leisten muss:

eine Formulierung, die „Kriegsverbrechen“ als

„Fehlentwicklung des Volkes“ bezeichnet. Er

verweigert nicht aus Politik, sondern weil er

weiß, was es bedeutet, wenn ein Mensch seine

Stimme für das Schweigen verkauft.

Am dritten Tag nach Neujahr bricht die Polizei

auf. Nicht in Uniform, sondern in zivil. Sie

halten den Weg zu den Wiesen ab, wo die Frauen

eine hölzerne Holzbank errichtet haben,

eingebettet in den Schnee wie ein Grab. Drei von

ihnen tragen alte Heiligenbilder, die sie aus

den Trümmern ihres Hauses gerettet haben. Einer

schreibt mit Kreide auf die Bank: „Wir sind hier,

damit das Leiden nicht vergessen wird.“

Der Priester steht auf. Keine Liturgie. Keine

Homilie. Er zieht einen Dolch aus seinem Mantel —

nicht zum Stich, sondern zum Scharren. Er kratzt

die Kreideworte weg. Dann legt er die Hand auf

die Holzfläche. Sein Atem löst sich in einem

Rauch, der sich sofort wieder in Eis verwandelt.

Ein Mann aus der Gruppe fällt auf die Knie. Ein

zweiter folgt. Die drei anderen schließen die

Augen. Kein Laut. Nur das Geräusch des Windes,

der durch die Bäume fegt.

Drei Stunden später wird der Priester im

Dorfzentrum gefunden. Sein Mantel ist leer. Die

Holzbank ist verschwunden. Nur ein Fleck Blut

auf dem Schnee bleibt.

Die Frauen kehren zurück. Ohne ihn. Ohne Worte.

Im März wird ein neues Gesetz beschlossen: alle

öffentlichen Andachtsplätze müssen „zeitgemäß“

gestaltet werden. Doch niemand erinnert sich

mehr an die Holzbank. Niemand sieht mehr die

Spur, die der Dolch hinterlassen hat.

Das einzige Zeichen bleibt der Schnee — immer

wieder neu, immer gleich.