Die couragierte Journalistin holt die Rolle aus

dem Kellerraum der Pfarrkirche, wo sie seit 1947

unter den Leichenkoffern lag, versteckt von

einem Pfarrer, der den Mord an sieben Bergbauern

nicht vermelden durfte. Die Aufnahme ist kein

Lied, sondern das Stöhnen von Männern, die in

der Nacht des 23. November 1945 unter dem Dach

des alten Sägewerks erschossen wurden — nachdem

sie geweigert hatten, die NSVerbrechen zu

verschweigen. Die Gegenwart ist 1953, und in

Salzburg gilt: Wer über den Krieg spricht,

verliert seinen Job, seine Familie, seine Kirche.

Die Tonrolle ist das einzige Dokument, das die

Stimmen der Toten nicht zum Schweigen brachte.

Sie schmuggelt sie in einen Koffer aus Holz, den

ihr Vater aus dem Krieg mitgebracht hat — ein

Regal, das sich in eine GeheimfachTasche

verwandelt, wenn man den Boden mit einem

bestimmten Schlüssel dreht. Die Regel: Kein

Tonband darf außerhalb der Kirche gespielt

werden. Wer es tut, wird als Verräter

gebrandmarkt. Die Kirche hat die Behörden dazu

gezwungen, die Leichen als „Unfälle beim

Holztransport“ zu verbuchen.

In der Nacht, als sie die Rolle in der Redaktion

des „Salzburger Volksblatt“ einspielt, hört sie

nicht nur die Stimmen — sie hört, wie einer der

Männer sagt: „Wir haben uns nicht gewehrt, weil

wir glaubten, Gott würde uns retten.“ Dann

bricht der Strom aus. Die Lampe erlischt. Der

Koffer ist verschwunden.

Am Morgen liegt die Rolle auf dem Schreibtisch

des Bischofs. Die Journalistin wird entlassen.

Die Redaktion schreibt: „Falschmeldung über

Kriegsverbrechen.“ Die Kirche spendet einen

neuen Orgelton für die Heilige Dreifaltigkeit.

Sie geht nach Mittersill. Das Dorf hat sich

verändert: Die alten Bauernhäuser sind mit

Holzverkleidungen verhängt, wie sie sie früher

nur in Tirol kannte — eine neue Mode, die das

Leid verbirgt. Die Kinder spielen mit Tonbändern

aus der Fabrik in Linz, die sie für Lieder

verkaufen. Niemand erinnert sich mehr an die

sieben Namen.

Sie findet den Pfarrer am Friedhof, wie er die

Steine der Gräber mit Kalk bestreicht — nicht,

um sie zu reinigen, sondern um sie zu verwischen.

Sie gibt ihm die Rolle zurück. Er nickt. Kein

Wort.

Sie steigt auf den Berg, wo die Säge stand. Der

Boden ist mit Moos bedeckt. Sie kniet nieder,

legt die Hand auf die Erde — und spürt, wie

etwas unter ihr vibriert. Ein letztes, kaum

hörbares Knacken. Die Rolle hat sich selbst

abgespielt.

Die Beklemmung bleibt. Nicht weil sie nichts tat.

Sondern weil sie alles tat — und niemand hörte.