Die Mutter von Mittersill kommt mit leeren
Händen und einem Namen, den niemand mehr
ausspricht. Sie trägt den Rock ihres
verstorbenen Mannes, genäht aus einem Fallschirm,
und geht durch den Schnee, als wäre der Krieg
noch nicht vorbei. Die Kirche hat die Glocken
abgegeben, die Post bleibt aus, und die Kinder
essen Kartoffelschalen mit Salz aus der Tasche.
Der Staat zahlt kein Brot mehr — nur noch Kohle
für die Heizung, und wer sie will, muss mit den
neuen Männern reden.
Sie hat gelernt, dass man im
Nachkriegsösterreich nicht fragt, woher die
Kohle kommt. Man nimmt sie. Aber nicht für sich.
Für die drei Kinder, die im Dachboden husten,
während draußen die Alpen schweigen. Die
Regierung hat verboten, dass Bergbauern ihre
eigenen Gruben schürfen — doch in der Nacht,
wenn der Mond über dem Großglockner liegt,
schleichen Männer mit Schaufeln und Lichtern in
die alten Gänge. Wer sie sieht, verschwindet.
Wer sie nicht sieht, stirbt still.
Sie findet ihn im Gasthaus zum Goldenen Adler,
wo die Kellnerin nicht mehr „Guten Tag“ sagt,
sondern nur noch nickt. Er hat ihr ein Brot
gegeben, als sie mit dem letzten Kind auf dem
Rücken vor dem Bahnhof zusammenbrach. Jetzt
sitzt er hinter einem Tisch mit einer Karte von
Tirol, auf der alle Gruben rot markiert sind. Er
zählt Münzen, die aus den Taschen der Toten
stammen. Er verkauft die Kohle an die Stadt —
und die Kinder, die in den Schächten
verschwinden, werden zu Zahlen in einem Buch mit
braunem Einband.
Sie tritt ans Fenster. Draußen tanzt ein Kind
mit einem Stück Kohle in der Hand, als wäre es
ein Spielzeug. Sie weiß, was passiert, wenn man
sich wehrt. Die Polizei hat den
Bergbauernverband verboten. Wer sich wehrt, wird
als „Widerständler“ verschwinden — und seine
Kinder landen in der Fabrik in Linz, wo sie die
Maschinen ölen, bis die Hände nicht mehr zittern.
Sie nimmt das letzte Brot aus dem Sack. Es ist
schwarz, von Asche. Sie geht zu ihm, legt es auf
den Tisch. Er hebt den Kopf. Sie sagt nichts. Er
sagt nichts. Dann hebt er die Hand — nicht zum
Griff, nicht zur Waffe — sondern zum Telefon.
Sie weiß, was das bedeutet. Sie dreht sich um.
Die Tür schließt sich. Die Kinder im Dachboden
hören den Wagen nicht kommen. Sie hören nur das
Knacken des Feuers im Ofen, das jetzt langsamer
wird.
Am Morgen liegt das Brot noch da. Er hat es
nicht angerührt. Und am Nachmittag, als die
Sonne hinter dem Dachstein verschwindet, findet
man ihn am Rand des Kiesgrubens, mit dem Kopf
nach unten, in einem Mantel, der nicht von ihm
ist. Die Kinder essen das Brot. Es schmeckt nach
Salz und Erde. Und in der Nacht, als der Wind
durch die Lücken im Dach pfeift, hört man sie
nicht weinen. Sie singen ein altes Lied aus dem
Innviertel — ohne Worte. Nur Töne. Wie eine
Glocke, die nie mehr geläutet wird.


