Die Gräfin von Kaltbrunn erwacht in einer
Holzbaracke am Rand von Sankt Ulrich, ohne zu
wissen, wer sie ist — nur dass ihr Rock aus Samt
ist und die Nähte mit Silberfaden genäht, ein
Zeichen, das niemand mehr nennen darf. Die Zeit
nach dem Sturz der Monarchie hat die Adelsgüter
verstaatlicht, doch hier in den Ötztaler Alpen
hat sich etwas anderes verändert: Die Gletscher,
einst Quelle des Lebens, haben seit 1929
aufgehört, zu schmelzen. Sie wachsen. Und sie
fressen.
Ein Bergbauer findet sie am Eingang des
verbotenen Tals, wo der Gletscher das
Dorfkirchlein verschluckt hat — nur der Turm
ragt noch heraus, wie ein Knochen. Er bringt sie
zum Pfarrer. Keiner spricht von ihrem Namen. Sie
fragt nicht. Die Regeln sind einfach: Wer die
Gletscher berührt, stirbt innerhalb von drei
Tagen. Die Knochen werden weiß, die Haut bleibt
weich. Die Gemeinde hat es erlebt. Drei
Wissenschaftler, drei Bergsteiger, ein Polizist —
alle verschwunden. Niemand spricht davon. Nicht
einmal im Gebet.
Sie erinnert sich an nichts — doch ihre Hände
zittern, wenn sie die Karte des Tals sieht. Sie
zeichnet den Weg, den sie einmal gegangen ist.
Die Kirchturmspitze. Der alte Wachturm. Die
Steinbank, wo sie mit einem Mann saß, der nicht
ihr Ehemann war. Der Pfarrer verbietet ihr,
hinaufzugehen. „Das ist kein Unfall“, sagt er.
„Das ist Strafe.“
Am siebten Tag findet sie den Spiegel im Keller
der alten Villa. Sein Rahmen ist aus Kupfer,
verziert mit Alpenrosen — wie sie sie als Kind
geschnitzt hat. Ihr Name steht darunter:
Elisabeth von Kaltbrunn, 1912. Sie erinnert sich
an die Stimme ihres Vaters: „Die Berge bewahren,
was die Menschen vergessen.“ Sie geht hinauf.
Ohne Fackel. Ohne Seil. Mit nur einem Löffel aus
Silber, den sie in der Tasche trägt.
Der Gletscher öffnet sich wie ein Mund. Die
Eiswände glitzern nicht. Sie atmen. Sie nimmt
den Löffel und schabt eine Spur in das Eis —
nicht zum Forschen. Zum Zeigen. Ein Muster. Ein
Familienwappen. Der Gletscher zittert. Ein
Knacken, tief, wie ein Gebein, das bricht. Dann:
ein Stöhnen. Nicht aus dem Wind. Aus dem Eis
selbst.
Sie läuft zurück. Der Pfarrer wartet mit dem
Dorf. Sie hält den Löffel hoch. „Er hat sie
nicht verloren“, sagt sie. „Er hat sie
verschluckt. Weil wir sie vergessen haben.“
Am Morgen ist der Gletscher um zwanzig Meter
zurückgewichen. Der Turm steht frei. Und auf dem
Boden vor der Kirche liegen sieben Knochen —
nicht weiß. Nicht weich. Sie sind frisch. Und
sie tragen die Uniformen der Soldaten, die 1918
in den Bergen verschwanden — und nie wieder nach
Hause kamen.


