Im Herbst 1952, als der letzte Schnee vom

RiedeggPass schmilzt, steht Anna von Riedegg vor

dem verfallenen Bergwerk ihrer Familie, das seit

1944 gesperrt ist. Die Erbin, 28, trägt keinen

Hut mehr wie ihre Mutter – sie trägt eine Mappe

mit Grundbucheinträgen und einen Brief vom

Finanzamt: das Schloss wird versteigert, wenn

sie nicht binnen sechs Wochen 80.000 Schilling

auftreibt. Der Staat zahlt keine Entschädigung

für verbrannte Bergwerke – nur für „ordentliche

Wiederaufbauvorhaben“.

Sie holt Josef Lederer aus dem Dorf. Ein Mann,

der 1943 im Bergwerk einen Bruder verlor – und

seitdem nicht mehr spricht. Ein ehemaliger

Bergarbeiter, dessen Namen niemand mehr

ausspricht, weil er 1945 die Waffen der

SSHilfstruppen nicht abgegeben hat, sondern

verscharrt. Die Gemeinde hat ihn geduldet, weil

er die Almhütten repariert. Aber keiner sagt,

dass er den Tunnel kennt – den, den die Nazis

1944 mit Sprengstoff und Leichen verschlossen

haben.

Anna bietet ihm 20.000 Schilling. Nicht für die

Arbeit. Für das Schweigen. Sie weiß, was

darunter liegt: nicht Gold, sondern Akten – die

Namen der Männer, die in den Schächten

verschwanden, weil sie den Transport der

Kriegsbeute verhindern wollten. Und sie weiß:

wenn sie die Akten findet, ist sie keine Erbin

mehr. Sie ist eine Mörderin.

Am dritten Tag im Tunnel bricht die Decke ein.

Nicht durch Alter. Durch eine Sprengladung, die

nicht vollständig entzündet wurde. Drei Leichen

kommen zum Vorschein – in Uniformen, die nie zur

Wehrmacht gehörten. Eine davon trägt einen Ring

mit dem Wappen des Habsburger Hofes. Anna

erkennt ihn: ihr Großvater, der 1943

„verschwunden“ sein sollte.

Josef legt die Schaufel nieder. Er hat nie

gesprochen – doch jetzt zündet er eine Laterne

an, die er seit 1945 in seinem Mantel trug. Die

Flammen zeigen: unter den Leichen liegen

Dokumente, die beweisen, dass die Familie

Riedegg die Kriegsbeute nicht nur transportierte

– sie versteckte sie in den Kirchen der Tiroler

Almen. Und der letzte Schlüssel dazu trägt Anna

von Riedeggs Mutterunterschrift.

Sie greift nach dem Papier. Ihr Vater starb 1946

– nicht an Krebs. An einem Gift, das sie ihm in

den Kaffee gab, nachdem er ihr erzählt hatte,

dass die SS ihn zum Schweigen bringen wollte.

Sie hat nicht gewusst, dass er der Einzige war,

der alles wusste.

Am Morgen bringt sie den Brief an den Notar. Der

Schlossverkauf wird aufgehoben. Das Dorf feiert

– die Erbin hat das Geld gefunden. Doch in der

Kirche von St. Georg am Riedegg, in der Krypta

unter dem Altar, liegt eine neue Kiste. Darin:

zwei Kilo Silber, ein Bild von Josef als junger

Mann, und ein Zettel mit der Schreibmaschine:

„Du hast überlebt. Aber wer hat dich gerettet?“

Die Kirchenglocken läuten. Niemand geht hinein.

Nicht einmal die Pfarrerin.

Der Tunnel bleibt verschlossen.

Die Erbin bleibt.

Und die Berge halten ihr Geheimnis – wie immer.