Im Winter 1947 friert das Tal von St. Wolfgang

in einem Schweigen, das tiefer ist als der

Schnee. Die letzten Jodlampen der Apotheken sind

verbrannt, die Regierung verbietet den privaten

Handel mit medizinischem Jod — als

„unautorisierte Wirtschaft“ —, doch die Kinder

der Bergbauern bekommen Kropf. Die Mutter, einst

Hauswirtschafterin im Habsburger Dienst, nimmt

die letzte Flasche aus dem vergrabenen

Kellerraum ihres verstorbenen Mannes, der als

Bergarbeiter im Salzbergwerk starb — sein Körper

trug die Spuren, die jetzt ihre Tochter trägt.

Sie wandert bei Nacht über den Krimmler Tauern,

die Stiefel voller Eis, der Rucksack schwer mit

Glasflaschen, die sie in Watte gewickelt hat wie

Kinder. Die Zollbeamten des neuen Österreich

sind nicht aus der Wehrmacht, sondern aus der

Sozialdemokratie — sie tragen Uniformen mit

roten Sternen, reden von Gerechtigkeit, und

schießen nicht, aber sie nehmen alles. Einmal,

bei der Schneise zwischen Oberndorf und Krimml,

greift einer nach der Flasche. Sie weicht nicht.

Sie sagt nichts. Sie hält nur die Flasche höher,

als wäre sie ein Kreuz. Der Beamte zögert. Er

kennt ihren Sohn, der im Krieg verschwand. Er

lässt sie gehen. Das ist kein Gnadenakt. Es ist

eine Regeln, die keiner ausspricht: Wer sein

Kind rettet, darf nicht als Krimineller gelten —

solange er nicht auffällt.

Am dritten Tag erreicht sie das Dorf. Die

Apotheke ist geschlossen, der Apotheker ist tot.

Sie klopft an die Tür der Pfarrerin, die seit

1945 kein Wort mehr über die Vergangenheit

spricht. Die Frau öffnet. Sie sieht die Flasche.

Sie sieht die Augen der Tochter, die kaum atmen

kann. Sie nimmt die Flasche. Sie gibt nichts

zurück. Sie legt nur eine Hand auf die Schulter

der Mutter — langsam, wie man einen Sarg

schließt. Kein Dank. Kein Wort. Nur die kalte

Luft im Zimmer, die nach altem Holz und

verbranntem Kaffee riecht.

Die Tochter atmet wieder. Die Flasche ist leer.

Die Mutter steht am Fenster, sieht auf die Berge,

die nie gehörten, nie gehören werden. Die

Regierung wird bald neue Jodsalzvorräte

verteilen. Doch sie weiß: das erste Mal, dass

jemand gegen das Gesetz handelte, war nicht aus

Widerstand — sondern weil die Welt plötzlich

vergaß, wie man Leben rettet, wenn man keine

Stimme hat.

Die Lampe, die sie einst zum Lesen anzündete,

ist jetzt nur noch ein Stück Glas im Schrank.

Es gibt keine Belohnung.

Nur das Schweigen.

Und das Atmen.