Im Herbst 1931, als die Republik zittert und die
ersten Scharen von Braunhemden in Salzburg
auftauchen, geht Josef K. nach Mittersill, wo
sein Großvater einst als Bergarbeiter starb —
und wo man noch immer den alten Schneefallregeln
folgt: Wer den ersten Schnee des Winters nicht
in der Stube empfängt, wird vom Berg verschluckt.
Die Regel ist verboten seit ’26, doch in den
Höfen bleibt sie heilig, wie das Gebet vor dem
Essen. Josef, der melancholische Dichter, trägt
kein Tagebuch mehr. Er malt die Stille in
Aquarellen: die Schatten der Latschenkiefern,
den Rauch aus den Kaminen, die Gesichter der
Frauen, die ihren Männern nicht mehr nachschauen.
Er findet den Spiegel in der alten Bergkapelle,
hinter einer lose gekippten Steinplatte. Der
Rahmen aus verrostetem Eisen, das Glas nicht
gebrochen, nur getrübt — und darin: kein
Spiegelbild. Nur eine Szene. Er selbst, in einem
grauen Mantel, steht am Rand des Gletschers, die
Hände in den Taschen, der Schnee fällt nicht. Er
fällt nicht, weil er ihn nicht mehr will.
Die Prophezeiung sagt: Wer den Spiegel sieht,
stirbt, wenn der erste Schnee fällt — oder er
wird still, wenn er ihn verrät.
Er schreibt nichts. Er sagt nichts. Er geht
zurück in die Stadt, zu seinem Zimmer in der
Hintergasse, und malt weiter. Doch nun malt er
den Schnee, der nicht fällt. Er malt ihn auf
jede Wand, jede Serviette, jede Leinwand, die er
findet. Die Nachbarn nennen ihn verrückt. Die
Polizei kommt, fragt nicht, nimmt zwei Bilder
mit.
Am 12. November, drei Tage vor dem ersten Schnee,
betritt er den Gletscher allein. Er trägt keinen
Rucksack. Kein Brot. Kein Gebet. Nur den Spiegel
in der Tasche. Die Schneefallregelung ist kein
Aberglaube mehr. Sie ist Gesetz. Die Gemeinde
hat sie wiedererweckt, weil die Partei sie
braucht — als Zeichen, wer noch gehorcht.
Er steht am Rand. Der Wind hat aufgehört. Die
Luft ist wie Glas.
Der erste Schneeflocke fällt — nicht auf ihn.
Sie bleibt hängen. In der Luft. Als würde sie
warten.
Josef K. hebt die Hand. Nicht, um sie zu fangen.
Sondern, um sie zu lassen.
Der Spiegel bricht.
Und der Schnee fällt.
Über Mittersill. Über die Dächer. Über die
verbotenen Gräber.
Er ist nicht tot.
Er ist still.
Und niemand mehr malt die Stille.


