Der letzte Dampfzug aus dem Salzburger Land hält

an, wo einst St. Georgen war. Die Schienen sind

verkrümmt, die Gleise durchwurzelt von Eichen,

die vor dreißig Jahren niemand mehr gesehen

hatte. Der Wind trägt keinen Laut, nur das

Knarren alter Holzträger im stillgelegten

Schacht.

Männer jagen heute keine Tiere mehr. Sie suchen

Kohle – um zu leben. Das neue Reich ist kein

Staat, sondern eine Kollektivverordnung: jeder

Haushalt zahlt mit Arbeitszeit, nicht mit Geld.

Wer zu viel kohlen, wird ausgegrenzt. Wer zu

wenig, stirbt im Winter. Kein Mensch spricht von

der Zeit vor dem Dunkel. Nur die Kinder erinnern

sich an Sonnenlicht.

Durch eine Felskluft stößt er auf sie: eine Frau

im grauen Wollmantel, mit einem Medaillon um den

Hals, darauf ein zerbrochenes Wappen – Habsburg,

aber abgeschnitten. Ihre Augen sind wach, doch

sie reagiert nicht auf Geräusche. Sie sitzt auf

einer Holzbank, die noch vom letzten Betrieb

stammt. Neben ihr liegt ein Notizbuch, voller

Diagramme von Stromkreisen, Verbindungen

zwischen Orten, die längst verschwunden sind.

Sie zeigt ihm ein Blatt: eine Liste von 17 Namen.

Jeder wurde nach dem Zusammenbruch des Systems

"abgemeldet". Doch drei davon – eins

davon ist

sein Vater – tragen Daten, als hätten sie später

gelebt. Als wäre der Tod nur ein Ausfall.

Er blickt in die Tiefe des Schachts. Ein Licht

blinkt tief unten. Nicht von einer Lampe.

Sondern von einer Signalleuchte, die seit 1938

niemand mehr eingeschaltet hat.

Zwei Tage später, während der Nacht, bricht die

Kraftstation zusammen. Keine Explosion. Nur ein

langsames Absinken des Drucks, als würde das

Netz selbst atmen. Die Männer schweigen. Niemand

redet über die Leitungskabel, die durch die

Berge führen, oder die Station am anderen Ende –

im Tiroler Tal, deren Schild immer noch „Gefahr

– Strahlung“ sagt, obwohl niemand mehr weiß, was

Strahlung ist.

Er bringt das Buch zur Heimatschule. Die

Lehrerin liest es. Dann legt sie es nieder. „Das

war nicht möglich“, sagt sie. Aber ihre Hand

zittert. Am nächsten Morgen steht das Gebäude

leer. Die Türen sind versiegelt mit einer neuen

Marke: ein Kreuz über zwei Linien. Keiner weiß,

was es bedeutet.

In der Nacht nach der Zerstörung der

Lastschleuse hört man wieder Stimmen aus dem Tal.

Eine Frau singt. Es ist eine alte Volksweise aus

dem Jahr 1923. Die Melodie kommt nicht von

draußen. Sie kommt aus dem Innern der Erde.

Sie haben den Schacht nicht geschlossen. Sie

haben ihn nur vergessen. Und die Toten – sie

wissen es.