Nach dem Krieg gab es kein Mehl mehr, nur noch
die Vorschrift: Wer Brot aus dem Westen bringt,
wird als Landesverräter erschossen. Der
ehemalige Bezirksbeamte Franz Lederer, einst
verantwortlich für die Rationierungslisten der
Kaiserzeit, now versteckt sich in den Hütten
oberhalb von St. Wolfgang, wo die Almbauern noch
wissen, wie man Mehl aus Kastanien und
Birkenrinde macht — und warum man es nicht
meldet.
Er trägt jedes Wochenende zwei Brote in seinem
alten Lederrucksack über den Schneegrenzpfad,
von der verfallenen Mühle am Mondsee bis zur
katholischen Wallfahrtskapelle, wo die Nonnen
die Kranke stillschweigend abholen. Die Rationen
der Republik reichen nicht, aber die Erinnerung
an die silbernen Bäckerwagen der Habsburger, die
vor dem Krieg noch durch die Ortschaften fuhren,
bleibt — nicht als Trauer, sondern als
Verbrechen, das niemand mehr ausspricht.
Die neue Polizei durchsucht die Kirchen, die
Schulen, die Stallungen. Ein Junge aus Grünau
wurde erschossen, weil er seiner Mutter ein
Stück Brot aus dem Keller holte. Lederer kennt
die Namen der Soldaten, die damals die Listen
führten — jetzt sind sie die Kontrolleure. Er
hat ihre Gesichter in den Akten gesehen, bevor
sie ihn entlassen, weil er „zu sentimental“ war.
Am Tag vor Ostern kommt eine Kolonne von der
Bundespolizei nach St. Wolfgang. Sie bringen ein
neues Gesetz: Wer Brot in der Nähe einer Kirche
findet, wird als „katholische Sabotage“
angesehen. Die Nonnen müssen die Speisekammer
öffnen. Lederer steht am Waldrand, sieht, wie
sie die letzten Brote aus den Körben ziehen —
nicht die von ihm, aber die von Maria, der alten
Bäuerin, die sein Vater einst mit Brot rettete.
Er geht nicht zurück. Er nimmt den Rucksack, den
er seit 1922 trägt, und wirft ihn in den
brennenden Haufen. Die Flammen lecken die
letzten Brote, die er nie abgegeben hat. Die
Polizisten schreien, aber sie sehen nicht, wie
er sich umdreht — und den Pfad hinuntergeht, den
er als Kind mit seinem Vater gegangen ist, als
man noch Brot mit Salz und Kirschblüten
verzierte.
Kein Brot bleibt. Kein Beamter mehr. Nur die
Stille, die tiefer ist als der Schnee.
Die Alm bleibt leer. Die Nonnen beten nicht mehr
für die Toten. Sie beten für die, die noch atmen
— und wissen, dass das Brot, das sie nicht mehr
essen, das einzige ist, was noch lebendig war.


