Die Luft in den Tälern der Alpen ist schwer von
Rauch und Eis. Die Gemeinde Steinbruck, einst
ein Zentrum des Bergbaus, lebt jetzt in
ehemaligen Schächten, wo die Sonne kaum durch
die Risse dringt. Die Wirtin Liese betreibt eine
kleine Schenke am Rand des Dorfes, doch seit
drei Tagen fehlt ihr jüngster Bruder, ein
Förster, der sich mit dem alten Wald vertraut
fühlte.
Im Dorf kursieren Gerüchte: Ein Fremder aus der
Tiefe der Berge hat ihn entführt, angeblich
wegen eines verlorenen Tagebuchs, das vor dem
Krieg geschrieben wurde. Das Buch, so heißt es,
enthält die letzten Zeilen eines alten
Bergbauers, der im Untergrund verschwand. Liese
glaubt nicht an Märchen, doch als sie das
Tagebuch in ihrer Schenke findet – versteckt
unter einem Tisch, zwischen Rechnungen und
Bierkrügen –, wird ihr klar, dass etwas mehr
hinter dieser Geschichte steckt.
In der Postapokalypse gelten strenge Regeln:
Niemand darf ohne Erlaubnis in die alten
Schächte eindringen, und wer es tut, wird als
Verräter gebrandmarkt. Doch Liese bricht die
Regeln. Sie folgt den Spuren ihres Bruders in
die Tiefe, wobei sie stolpert über Leichen von
Männern, die vor ihr gesucht haben – alle tot,
alle auf dieselbe Weise.
Ihr Verstand sagt ihr, dies sei keine Entführung,
sondern eine Jagd. Eine Jagd, die von etwas
getrieben wird, das nicht menschlich ist. Die
Erinnerung an ihre Kindheit in diesen Bergen, an
den Duft von Holz und Schnee, erwacht in ihr.
Sie erinnert sich an die Geschichten ihrer
Mutter, die von Dingen sprach, die unter dem
Berg schlummern, und an den Tag, als sie selbst
zum ersten Mal den Schatten sah – einen langen,
dünnen Schatten, der sich durch den Schnee zog,
ohne dass jemand ihn berührte.
Als sie endlich den Schacht erreicht, in dem ihr
Bruder gefangen ist, sieht sie ihn nicht.
Stattdessen steht dort ein alter Mann, der ihr
Gesicht kennt – ihr Vater, der vor Jahren
verschwunden war. Er flüstert etwas von
Verbotener Sehnsucht, von einer Kraft, die in
den Alpen lebt und nur diejenigen ruft, die sie
vermissen.
Liese zerstört das Tagebuch. Es war nie ein Buch,
sondern ein Schlüssel. Der Schatten ist kein
Feind, sondern ein Teil von ihr, das sie
jahrelang verdrängt hat. Als sie den Schacht
verlässt, ist der Wind anders, die Luft leichter.
Die Welt um sie herum hat sich verändert. Nicht
durch Gewalt, sondern durch das, was sie
gefunden hat – eine neue Art zu leben, fernab
von Regeln, die nicht mehr passen.
Sie bleibt in der Schenke. Nicht als Wirtin,
sondern als Hüterin des Geheimnisses. Und wenn
jemand fragt, antwortet sie nur: „Es gibt Dinge,
die man nicht vergisst.“


