Im Herbst 1923 fährt Eleonore von Kienast mit
dem Zug von Wien nach St. Wolfgang, ihr letzter
Besitz: ein Holzhaus mit drei Zimmern, einem
verfallenen Stadel und einem Grundstück, das
seit 1793 in der Familie war. Die Republik hat
das Erbrecht neu gefasst — kein Erbe mehr ohne
Steuerbescheid, kein Land mehr ohne Geld, das
die Familie nie hatte. Die Alpen sind kein
Refugium mehr, sondern eine Rechnung.
Sie schläft in der Kammer, in der ihr Vater
starb — mit offener Tür, weil sie es so wollte.
Die Nachbarn schauen nicht mehr vorbei. Die
Gemeinde hat die Wasserrechte an einen
Industriellen aus Linz verkauft, der die Bäche
umleitet, um eine Elektrizitätszentrale zu bauen.
Wer nicht unterschreibt, verliert den Zugang zum
Brunnen. Wer widerspricht, verschwindet aus den
Kirchenbüchern.
Am dritten Tag bringt sie den letzten
Kupferlöffel aus der Truhe zum Pfandleiher in
Gmunden. Der Mann zählt die Silberknoten an
ihrem Rock, sagt nichts, gibt ihr fünfzig
Schilling. Sie geht zurück, setzt sich auf die
Holzbank vor der Tür, und sieht, wie der neue
Vorsteher mit zwei Polizisten den Hof betritt.
Sie hat nicht gezahlt. Das Land wird
beschlagnahmt. Der Vorsteher hält ein Dokument
hoch — nicht zur Unterschrift, sondern zur
Aufhebung. „Das Erbe ist kein Recht mehr“, sagt
er. „Es ist eine Belastung.“
Sie geht nicht zur Stadt. Sie geht zum Gipfel
hinter dem Haus, wo ihr Großvater einst den Baum
gepflanzt hat, den alle für ein Wunder hielten —
weil er im Winter blühte. Sie nimmt die letzte
Kerze aus dem Küchenschrank, zündet sie an, legt
sie in die Wurzeln. Der Baum brennt langsam,
raucht, fällt nicht. Ein Licht, das nicht
erlischt, bevor die Nacht endet.
Am Morgen ist der Baum nur noch Asche. Die
Polizisten haben nicht zurückgekehrt. Der
Pfandleiher hat ihr einen Brief geschickt: „Ich
habe das Geld nicht zurückgefordert.“
Sie bleibt. Schreibt keine Briefe. Nimmt keinen
Löffel mit. Und wenn die Touristen kommen, die
nach der Heimat suchen, sagen sie: „Da war mal
eine Frau. Sie hat das Feuer nicht gelöscht.“
Die Republik hat das Erbe abgeschafft. Aber sie
hat nicht gewusst, dass manche Frauen den Boden
nicht verlassen, weil sie ihn lieben — sondern
weil sie ihn bewachen.


