Der erste Schnee fällt am 14. Oktober 1923 auf

den Hintererzberg. Ein Student mit Bücherkoffer

und verschwommenem Idealismus verlässt die

Universität, um eine geplante Skizze für einen

alpinen Heimatroman zu vervollständigen. Der Weg

führt durch ein Dorf, wo die Kirchturmuhr seit

dem Absturz des Kaisers nicht mehr schlägt.

Am dritten Tag stürmt der Wind aus Nordosten.

Die Schneewand rückt von drei Seiten auf die

Berghütte zu, die sie als Notunterkunft gewählt

haben. Kein Funke Feuer bleibt – die Holzvorräte

sind feucht, die Kerzen erlöschen. Die alte Frau

im Hüttenzimmer, deren Mann im Krieg verschollen

ist, beginnt zu zählen: „Zehn Tage ohne

Nachricht.“ Ihre Stimme wird zum Ritual.

Am fünften Tag bricht der Schnee unter dem Dach

zusammen. Der Student greift nach dem Zettel in

seiner Jackentasche: ein Brief aus Wien,

unterschrieben von einem ehemaligen Lehrer. Er

sagt nichts. Nur dass er den Auftrag abgebrochen

hat. Die Worte klingen wie ein Todesurteil.

Die Kälte dringt durch die Nähte der Decke. Sie

holt sich die Füße zuerst. Als der Student die

Hand hebt, um die Tür zu öffnen, ist sie bereits

eingefroren. Er tastet nach dem Messer – es ist

weg. Der einzige Weg nach draußen liegt unter

einem Gletscher.

An der fünften Nacht findet er den Schlüssel. In

der Leere zwischen zwei Steinen. Ein

metallisches Geräusch, das kein Echo mehr hat.

Er zieht die Tür auf – und sieht nur Schnee.

Nichts. Keine Gestalt, kein Licht. Nur die

Stille, die sich über Jahre gesammelt hat.

Er tritt hinaus. Etwas an ihm stirbt. Nicht der

Körper. Die Hoffnung.

Drei Tage später werden die Leichen gefunden.

Eine am Rand der Mulde. Die andere ganz oben,

fast verborgen unter einer Felskante. Der Sohn

der Hüttenfrau holt sie ab. Keiner spricht vom

Namen. Keiner fragt, warum der Student so weit

gekommen ist.

Die Welt geht weiter. Der Friedhof in St. Johann

bleibt leer. Doch die neue Zeit schreibt schon

ihre ersten Sätze: die Schneeschmelze kommt. Und

mit ihr der Geruch von nassem Erdreich.