Die Lehrerin, Anna Huber, steht vor dem
ehemaligen Jagdschloss der Grafen von
Lichtenstein, nun ein Schuttberg mit
Ziegelrissen und einem Dach, das wie eine
gebrochene Rippe nach unten hängt. Sie hat es
geerbt, weil ihr Bruder, der letzte männliche
Erbe, sich in einer Rauchstube in Linz erhängt
hat – kein Abschiedsbrief, nur ein
unterschriebener Erbverzicht, den sie nicht
kannte. Der Notar hat ihr den Schlüssel in die
Hand gedrückt, als wäre es ein
Brandbeschleuniger.
Das Haus steht auf dem Gebiet, das 1921 vom
Bundesgesetz als „Wahlverbotsschutzzone“ erklärt
wurde: Wer das Grundstück betritt, verliert sein
Stimmrecht für alle kommenden Wahlen – eine
Regel, die der konservative Landtag nach dem
Zusammenbruch der Monarchie erlassen hat, um
linke Lehrer, Gewerkschafter und Frauen aus der
politischen Landschaft zu verbannen. Anna ist
eine der ersten, die nach 1919 das
Frauenwahlrecht durchgesetzt haben – und nun
wird sie zur Kriminellen, wenn sie nur die Tür
öffnet.
Sie betritt es am Morgen nach der
Erbschaftsverkündung. Die Holztreppe knarrt
unter ihrem Gewicht, als ob sie selbst ein
Wählerstimmenzähler wäre. In der Küche liegt ein
verstaubtes Wahlregister aus 1923 – darin ihr
eigener Name, durchgestrichen mit roter Tinte,
als hätte jemand sie vor Jahren schon verurteilt.
Sie findet unter dem Bodenbrett einen Brief von
ihrer Mutter, geschrieben 1919: „Sie sagen, das
Haus ist verflucht. Ich sage: Es ist die letzte
Bastion derer, die Angst haben, dass wir denken.
“
Am Abend bringt der örtliche Gemeinderat einen
Polizisten mit, der ihr die Einladung zur
„Beratung“ überreicht – nicht wegen des Hauses,
sondern wegen der Schule. Die
Pädagogikkommission hat beschlossen, dass
Lehrerinnen, die „politisch belastete
Immobilien“ besitzen, „nicht mehr als Vorbilder
für die Jugend geeignet“ seien. Sie soll gehen.
Sie hat kein Recht, zu widersprechen. Sie hat
kein Stimmrecht mehr.
Sie nimmt den Besen aus der Ecke, fegt den Staub
von den alten Wahlzetteln unter dem Boden, legt
sie in einen Koffer. Am nächsten Morgen geht sie
zum Rathaus – nicht, um zu betteln, sondern um
zu zeigen: Sie trägt den Koffer, nicht den
Schlüssel. Sie hält ihn hoch, als die Presse
kommt. Die Fotografen zucken, die Männer im
Anzug weichen zurück. Sie hat das Haus nicht
bewohnt. Sie hat es enteignet.
Die Gemeinde schweigt. Die Zeitung schreibt
nicht mehr davon.
Doch in den Dörfern hört man, wie Mädchen in der
Schule plötzlich Fragen stellen – über
Wahlzettel, über Erben, über das, was man tun
kann, wenn man keine Stimme mehr hat.
Anna Huber lebt weiter. Sie wohnt in einer
Mietwohnung in Steyr. Ihr Koffer steht im Keller.
Und jedes Jahr am 12. Februar, wenn die
Erinnerung an die Bürgerkriegsopfer abgelegt
wird, bringt sie eine Rose zu einem Grab, das
kein Name trägt.
Das Haus steht noch. Niemand tritt mehr ein.
Es ist nicht verflucht.
Es ist ein Zeichen.


