Im Herbst 1933 wird in Wien die

„SchutzkinderVerordnung“ wirksam: Jedes Kind,

dessen Eltern linke Ansichten äußern, wird in

staatliche Erziehungsheime verbracht. Helene

Wiesner, 38, Lehrerin an der Volksschule in

Neubau, hat ihren Sohn Lukas, sieben, schon zwei

Wochen vor der offiziellen Liste versteckt —

nicht aus Angst, sondern weil sie wusste, dass

der Staat nicht nur Ideen straft, sondern Körper.

Sie verlässt die Stadt mit einem Rucksack, drei

Brote, einem Bild von ihrem Mann, der im Krieg

verschwand, und dem Gefühl, dass Wien nicht mehr

ihr Zuhause ist, sondern ein Gefängnis aus Akten

und Meldungen. Die Straße nach Mittersill führt

durch das Mühlviertel, wo die letzten Bergbauern

noch das alte Recht halten: Kein Staat darf ein

Kind aus einem Haus nehmen, wenn es nicht durch

die Hand der Mutter geht.

In der Hütte am Schafberg, die ihr Vater

hinterlassen hat, schneidet sie das letzte Brot

in drei Stücke — für sich, für Lukas, für den

alten Pfarrer, der jeden Sonntag mit einer

Flasche Wein und einem Schweigegruß vorbeikommt.

Am dritten Tag kommt ein Beamter mit Aktenmappe

und Dienstausweis. Er sagt nichts. Nur dass das

Kind gemeldet sei.

Helene reicht ihm das dritte Brotstück. „Das ist

die Regel hier“, sagt sie. „Wer Kind nimmt, muss

essen mit.“ Der Beamte zögert. Er hat Befehl,

aber nicht die Kraft, in diesem Tal gegen die

Wahrheit zu kämpfen, die aus den Knochen der

Berge kommt. Er nimmt das Brot. Geht.

Drei Tage später kommt der zweite Beamte — mit

einem Wagen, zwei Männern, einem Schuss in den

Hinterkopf des Pfarrers, der versuchte, die Akte

zu unterschreiben. Sie bringen Lukas nicht mit.

Helene geht zum Brunnen, füllt den Krug, setzt

sich auf die Bank vor der Hütte. Sie hat nicht

geflohen. Sie hat die Welt gezwungen, zu sehen:

Ein Kind ist kein Papier, und ein Berg hat kein

Gesetz, das nicht von Hunger geschrieben ist.

Die Republik wird nie offiziell aufgeben. Aber

im Salzburger Oberland hört man nicht mehr von

„Schutzkindern“. Nur von Frauen, die Brot teilen

— und von den Bergen, die nie reden, aber nie

vergessen.