Der Priester steigt den Berg herauf, wo einst
die Glocken über den Hängen hingen. Jetzt
rauscht eine Säge, die aus dem Kirchenchor
gebaut wurde — der Staat hat das Gotteshaus zur
Holzverarbeitung umfunktioniert. Jeder Tote muss
gemeldet werden, sonst wird die Familie strafbar.
Die Kirche ist kein Ort mehr für Seelen, sondern
für Holz. Die Regel: Kein Sterben ohne Papier.
Kein Begräbnis ohne Genehmigung.
Er erkennt die Mauern, die er als Junge gesalbt
hat. Die Altarplatte ist jetzt eine Sägebank.
Die Orgel, zerlegt, als Brennholz gestapelt. Die
Gemeinde, die ihn einst als Sohn des Dorfes
begrüßte, schweigt. Sie tragen Holzschuhe und
blicken nicht auf. Die Idylle ist ein
Leichentuch aus Schnee und Stille.
Am Abend, als die Säge endlich stillt, geht er
in den Keller, wo früher die Sakristei war.
Unter den Spänen, die noch warm sind von der
letzten Säge, findet er einen
Silberkreuzanhänger — den seiner Schwester. Sie
starb vor acht Jahren, nachdem sie ein Kind
bekam. Kein Arzt kam. Kein Priester. Kein
Sterbebuch. Sie wurde verheimlicht. Die Regel
hat sie verschluckt.
Er gräbt weiter. Knochen. Ein Haarsträhnchen.
Ein Kinderschuh, zu klein für einen Mann. Er
trägt sie in die Kirche. Nicht als Messe. Als
Zeugnis. Er zündet ein Kerzenlicht an, das
letzte aus dem Pfarrhaus. Die Holzsäge steht
still. Die Dorfbewohner kommen. Keiner sagt
etwas. Aber einer legt eine Hand auf seine
Schulter. Eine andere bringt einen Krug mit
selbstgebrautem Schnaps — nicht zum Trinken,
sondern zum Gießen. Über die Knochen. Über den
Boden. Als ob sie einen Altar neu weihen.
Die Säge bleibt abgestellt. Die Genehmigung für
die nächste Holzlieferung liegt ungenutzt auf
dem Tisch. Die Kirche ist nicht
wiederhergestellt. Aber sie ist kein Lager mehr.
Die Idylle ist nicht zurück. Doch die Stille hat
einen neuen Klang. Die Welt hat sich verändert —
und sie hat nicht alles gewonnen.


